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Umweltaktivistin Greta Thunberg.

Klimabewegung

Greta Thunberg wandert auf einem schmalen Grat

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Wieder einmal schaut alle Welt auf die junge Schwedin Greta Thunberg. Das mag der Klimabewegung zunächst nutzen. Aber auf Dauer kann es gefährlich werden. Der Leitartikel. 

Manchmal ist Greta Thunberg zu bedauern. Nicht ganz klar ist nur, wer für sie schlimmer ist: diejenigen, die sie kritisieren, oder diejenigen, die sie loben. Beides hat gerade Konjunktur, denn „Greta“, wie alle Welt sie jetzt nennt, ist bekanntlich gerade per Segeljacht in New York eingetroffen. Wieder einmal richten sich alle Kameras auf die eine Person und nicht auf die Bewegung, für die sie steht. Und das könnte noch gefährlich werden.

Mit den Kritikerinnen und Kritikern wird die inzwischen berühmteste Klimaaktivistin der Welt sicher gut fertig. Zu offensichtlich kommen die meisten Vorwürfe aus dem Graubereich zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus, in dem es zum guten Ton gehört, den Klimawandel kleinzureden und den Kampf dagegen als naiv-grüne Flause zu diffamieren.

„Fridays for Future“ soll delegitimiert werden

„Bedauernswert, fremdgesteuert, gehypt und instrumentalisiert …, selbst von der radikalen Antifa und nicht zuletzt von jedem grünen Parteienpflänzchen“ – allzu offensichtlich ist, dass Autorinnen wie die scharf rechte Birgit Kelle mit dieser Form von geheucheltem Mitleid das Klimaprojekt der inzwischen globalen „Fridays for Future“ verzweifelt zu delegitimieren versuchen. Was ihnen so nicht gelingen wird.

Gefährlicher könnten so manche Lobreden werden, die inzwischen aus der Politik zu hören sind. Da ist beispielhaft Angela Merkel zu nennen.

Noch im Februar hatte die deutsche Kanzlerin nebulöse Anspielungen über „äußere Einflüsse“ auf„Fridays for Future“ von sich gegeben. Inzwischen aber hat sie eine scharfe Kurve genommen und lobt Greta Thunberg als „außergewöhnliches Mädchen“, das „viel ins Rollen gebracht“ habe. Wenn am 20. September Merkels Klimakabinett tagt, wird sich zeigen, ob das mehr ist als eine Umarmungsstrategie mit dem Ziel, die eigene Person und Politik aus der Schusslinie zu nehmen.

Eines allerdings haben giftige Kritik und vergiftetes Lob gemeinsam: Sie reagieren auf die Tatsache, dass Thunberg zur Galionsfigur einer großen, die Politik des fossilen Zeitalters ernsthaft herausfordernden Bewegung geworden ist. Würde es gelingen, sie zu diskreditieren oder ihre Kritik durch Vereinnahmung zu entschärfen, dann wäre auch die ganze Bewegung in Gefahr. Oder?

„Fridays for Future“ - abhängig von einer Leitfigur?

Vielleicht ist das die Frage, an der sich entscheiden wird, ob „Fridays for Future“ und die gesellschaftlichen Gruppen, die sich anschließen, tatsächlich die politische Wende erreichen. Mit anderen Worten: Wie stark hängt die Bewegung von einer medial oft überinszenierten und womöglich irgendwann überforderten Leitfigur ab? Wann schlägt der Nutzen, den die Millionen von Aktivistinnen und Aktivisten aus der Aufmerksamkeit für „Greta“ ziehen, in eine gefährliche Abhängigkeit um?

Die Antwort hängt von vielen Faktoren und vielen Akteuren ab. Zum einen von Greta Thunberg selbst. Der Segeltörn nach New York hat ja deutlich gezeigt, auf wie schmalem Grat sie wandert. Sie weiß, dass ihre Sache öffentliche Aufmerksamkeit braucht. Aber sie wird auch die Absturzgefahr spüren, die in der teils absurden Fixierung auf ihre Person liegt. Die Versuche, die symbolische Wahl des Verkehrsmittels Richtung New York gegen sie zu verwenden, hat sie souverän gekontert. Aber niemand weiß, ob das auf Dauer funktioniert.

Weil das so ist, wäre die Klimabewegung insgesamt schlecht beraten, wenn sie einfach abwarten würde, wie die Greta-Story ausgeht. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass sie von jungen Menschen, die sich von ihr zu einer Vielzahl von Aktivitäten für den Klimaschutz inspirieren lassen, auch verehrt wird. Wer mit ihnen spricht, spürt meistens eine freundschaftliche, im besten Sinne arglose Bewunderung für die junge Frau, die die größte globale Jugendbewegung seit Jahrzehnten ausgelöst hat.

Großes Projekt für die ganze Gesellschaft

Aber es ist doch beruhigend, dass es bei „Fridays for Future“ auch ein feines Gespür für die Gefahren gibt. Immer wieder widersetzen sie sich der medialen Tendenz, die Basisbewegung auf ein paar „Gesichter“ zu reduzieren – in Deutschland zum Beispiel auf Luisa Neubauer. Die Abwehr gegen die Personalisierung ist gut, aber ob sie auf Dauer gelingt, steht in den Sternen. Allerdings wird sie gelingen müssen, wenn die Bewegung stabil bleiben soll.

Es geht um ein großes Projekt für die ganze Gesellschaft und das hat nur Chancen, wenn es von großen Teilen der Gesellschaft getragen wird – zumal angesichts eines Politikbetriebs, der viel zu langsam und interessengeleitet agiert. Um ihm Beine zu machen, wird es nicht nur überzeugender Leitfiguren bedürfen, sondern breiter Bündnisse.

Nur in Kooperation mit der längst vorhandenen, aber allzu verstreuten Expertise zu Themen wie ökologisch verträglicher Produktion und Arbeit, zum sozialen Ausgleich bei der Bepreisung von Klimaschäden, zu einem Wohlstand ohne Fleischberge und SUV, zu den an ärmere Länder ausgelagerten Kosten unserer „imperialen Lebensweise“ und zu vielen anderen Fragen wird die kritische Masse zu erreichen sein, die verhindert, dass die Bewegung irgendwann diskreditiert oder vereinnahmt wird. Mit oder ohne Greta Thunberg.

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