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Kleine Rache durch Präsenz

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Die Nebenklage: ein häufiges Phänomen in deutschen Gerichtssälen. Ihr Nutzen findet eher im Kopf statt.

Dabeisein ist alles“ – das inoffizielle Motto der Olympischen Spiele wird allgemein deren Wiedererwecker Pierre de Coubertin zugeschrieben. Dabei hat der französische Turnvater das so nie gesagt. Er versuchte vielmehr bei den Spielen 1908 in London einen britisch-amerikanischen Streit über den Sieger im 400-Meter-Lauf mit der salomonischen Bemerkung zu schlichten: „Das Wichtigste bei den Olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen.“ Was zugegebenermaßen inhaltlich relativ identisch ist, aber nicht so schmissig klingt.

Jedenfalls ist Coubertins Bonmot auch eine gute Erklärung für ein Phänomen, das an deutschen Gerichten immer wieder beobachtet werden kann: die Nebenklage. Der Sinn der Nebenklage erschließt sich selbst dem geneigten Betrachter oft nicht auf Anhieb.

Historisch gibt es die Nebenklage seit der Reichsstrafprozessordnung anno 1877. Im finsteren Mittelalter war es in Deutschland noch so, dass die Einleitung eines Gerichtsverfahrens ausschließlich Sache des Opfers der Straftat war. Das änderte sich erst mit der Constitutio Criminalis Carolina von 1532, mit der sich der Staat das Recht zur Strafverfolgung zuschanzte. 1837 war aus Sicht des Staates also ein kleiner Schritt zurück.

Nebenklage ist nur bei richtig üblen Sachen zulässig (Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Entführung et cetera, mittlerweile auch Stalking). Nebenklageberechtigt sind Eltern, Kindern, Geschwister und Lebenspartner.

Besondere juristische Vorteile bietet eine Nebenklage eher nicht. Sie gewährt den Nebenklagenden ein Fragerecht sowohl bei Zeugen als auch bei Angeklagten – die allerdings ein verbrieftes Schweigerecht haben und davon gegenüber den Vertretern der Nebenklage weitaus öfter Gebrauch machen als bei denen der Staatsanwaltschaft.

Die Nebenklage macht es darüber hinaus möglich, Schadensersatzansprüche bereits im Strafverfahren geltend zu machen. Allerdings lehrt die Erfahrung, dass der Weg zum Zivilgericht meist der lohnendere ist. Der Nebenklageanwalt darf zudem ein eigenes Plädoyer halten, in dem er in der Regel ein bisserl mehr als der Staatsanwalt fordert. Prozessuale Auswirkungen hat das eigentlich nie.

Warum immer wieder so oft und gerne auf die Nebenklage zurückgegriffen wird, ist wohl eher psychologisch zu erklären. Nebenkläger sind in den meisten Fällen auch Zeugen. Und als solche dürften sie dem Prozess zumindest bis zu ihrer Aussage nicht beiwohnen, nicht mal als Besucher. Nun scheint es für viele Menschen wichtig, der Person, die Leid über sie gebracht hat, Aug’ in Aug’ gegenüberzusitzen. Vor allem in jüngster Zeit kommt es bei Kapitalverbrechen immer wieder vor, dass Hinterbliebene die Nebenklagebank in einen Traueraltar verwandeln und versuchen, die Angeklagten zu beschämen oder niederzustarren. Hin und wieder wird auch gepöbelt. Der Wahrheitsfindung dient das alles nicht, aber oft wirkt es wohl befreiend. Viele Nebenkläger aber halten die ständige Präsenz ihres Hassobjekts nicht aus und geben irgendwann auf.

Ein starkes Motiv für Nebenkläger mag auch die kleine Rache sein: Im Fall einer Verurteilung trägt in der Regel der Angeklagte die Anwaltskosten.

Stefan Behr ist Gerichtsreporter der FR

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