Für Sie gelesen

Kleine, große Geste

  • schließen

Manal al-Sharif kämpft am Steuer für die Freiheit in Saudi-Arabien und anderswo.

Vergangenen Monat wies König Salman von Saudi Arabien die Regierung an, Regularien zu erarbeiten, nach denen Frauen in seinem Reich das Autofahren erlaubt sein soll. Manal al-Sharif hat wesentlich zu dieser revolutionären Neuerung beigetragen. Im Mai 2011 ließ sie sich von einer Freundin am Steuer eines Wagens filmen, stellte den Film ins Netz und wurde drei Tage später wegen „Aufwiegelns der öffentlichen Meinung gegen den Staat“ verhaftet. Sie wurde bald freigelassen und lebt jetzt in Sydney. Ihre Kampagne „Woman2Drive“ mobilisierte Frauen überall in der islamischen Welt, sich für ihre Rechte einzusetzen.

Im Zürcher Verlag Secession sind jetzt die Erinnerungen der 1979 in Mekka geborenen IT-Beraterin erschienen. Darin erfährt man zum Beispiel, dass auf dem Gelände des seit 1988 rein saudischen Unternehmens Aramco (Arabian-American Oil Company) auch in Saudi-Arabien Frauen fahren können. Das gehört offenbar mit zum Ausstiegsvertrag der Amerikaner. Was könnten die USA noch alles aushandeln, wenn sie wollten?

Manal al-Sharif war nicht von Anfang an eine Frauenrechtlerin. Ihre politische Karriere begann sie als radikale Islamistin. Sie weigerte sich, „Ungläubigen“ die Hand zu geben oder auch nur Guten Tag zu sagen. Sehr ergreifend erzählt sie, wie sie so islamistisch wurde und wie sie davon freikam.

Auf dem Klappentext steht ihr heutiges Glaubensbekenntnis: „Ich glaube, dass Kinder nicht frei sein können, wenn ihre Mütter nicht frei sind, Eltern können nicht frei sein, wenn ihre Töchter es nicht sind, Ehemänner können nicht frei sein, wenn ihre Ehefrauen es nicht sind, die Gesellschaft ist nichts wert, wenn Frauen nichts wert sind. Wir kämpfen nicht darum, Auto zu fahren, wir kämpfen darum, unser Schicksal in die Hand nehmen zu können.“

Das Autofahren als Kampfziel: eine große Metapher, die gleichzeitig ein kleiner, selbstverständlich erscheinender Schritt ist. In Saudi Arabien, schreibt sie, werden Taschendieben die Hände abgehackt und die Armstümpfe in siedendes Öl gehalten, um die Wunden auszubrennen. Das wird immer wieder auch öffentlich zelebriert. Es ist, schreibt Manal al-Sharif, kein Fall bekannt, dass so auch mit Menschen verfahren wurde, die zum Beispiel Millionen Steuern hinterzogen haben.

Manal al-Sharif beschreibt ihre Welt und damit immer wieder auch unsere.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare