Dem Reißwolf entgangen

Was Klaus Staeck in seiner Stasi-Akte las

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Wie ein roter Faden zieht sich durch meine Akte das Unverständnis, dass einer, der vieles an der BRD kritisierte, die DDR aus tiefer Überzeugung ablehnte.

Als in der vorigen Woche an die „Erstürmung“ der Stasizentrale in Berlin-Lichtenberg vor 30 Jahren erinnert wurde, verzettelten sich einige in die Diskussion, ob überhaupt etwas erstürmt oder besetzt wurde. Oder ob sich noch aktive MfS-Leute unter das wütende Volk gemischt hatten, um ihm das Stahltor zu öffnen und den Weg zum einzig hell beleuchteten Gebäude, der Versorgungseinrichtung mit Kantine, Laden und Friseur, zu weisen, statt die Massen dorthin zu führen, wo sie Akten und Karteikarten gefunden hätten.

Wie so oft hat jedes historische Ereignis – je nach Perspektive des Erzählers – mehrere Wahrheiten. Jedenfalls hatten am 15. Januar 1989 schon mittags fast alle Beschäftigten frei, die Hauptverwaltung Aufklärung klebte „Eintritt- verboten“-Zettel an ihre Türen und der Meininger Pfarrer Martin Montag war als Emissär eines Bürgerkomitees schon vor Ort, auf der anderen Seite des Eisentores an der Ruschestraße, wie Götz Förster in dieser Zeitung schrieb.

Ich bin froh, dass – abgesehen von bereits zerschreddertem und verheiztem Papier – vieles erhalten blieb, was uns und künftigen Generationen Lehrstoff zum Thema „Geheimdienst zwischen Perfidie und Lächerlichkeit“ bietet.

So durfte ich vor einigen Jahren in eigener Sache nachlesen, welche Mühe ich vier Spitzeln mit meinen Plakaten und Postkarten bereitet habe, die 1981 im Rostocker Club des Kulturbundes gezeigt wurden. „Mit dieser Ausstellung konnten bestehende Verdachtshinweise auf eine feindliche Kontakttätigkeit verdichtet werden,“ heißt es in der „Abverfügung zur Archivierung“. Allein diese Akte umfasst 314 Seiten.

Höchste Aufregung herrschte vor allem, weil der ARD-Korrespondent Lutz Lehmann alle bürokratischen Hindernisse für eine Drehgenehmigung überwand und sich auf den Weg nach Rostock machte. Die Club-Verwalter wurden unter Druck gesetzt, ihr Hausrecht auszuüben um die Genehmigung aufzuheben. Erst die Drohung meiner vorzeitigen Abreise veranlasste sie, den Eklat zu vermeiden. Nach der Begrüßung wurde schließlich die brachiale Zensur-Methode angewandt – der Strom fiel aus und ohne Licht ließ sich nichts drehen.

In den Spitzelberichten las ich vier Betrachtungen zu allen Vorkehrungen, um an diesem Tag den feindlichen Elementen das Handwerk zu legen, aber auch die freundlichen Worte von IM „Sportler“, der sich darüber freute, „dass er durch diese Ausstellung die Möglichkeit des persönlichen Gesprächs mit Steg“ hatte.

Ins Visier der Stasi war ich 1976 durch die Mitarbeit für das „Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus“ gekommen. Anlass war die Verhaftung von Jürgen Fuchs, Christian Kunert und Gerulf Pannach nach deren Protesten gegen Biermanns Ausbürgerung. Ich hatte nach dem Ausschluss mehrerer Autoren aus dem Schriftstellerverband ein Plakatmotiv entworfen, mit einem Eisberg und dem Text „Blick auf das Kulturministerium der DDR (Außenstelle Literatur)“, angehängt die Aufforderung, die Kampagne „Solidarität versetzt Eisberge“ zu unterstützen. Unter den Namen der Unterzeichner war linke Prominenz der Bundesrepublik zu finden – mit Ausnahme der DKP-Kader.

Wie ein roter Faden zieht sich durch meine Akte das Unverständnis, dass einer, der vieles an der BRD zu kritisieren hatte, das Herrschaftssystem der DDR aus tiefster Überzeugung ablehnte. Alles heute noch nachzulesen, weil meine bis zuletzt von der Hauptabteilung XX/7 geführte Personalkarteikarte und die Akten dem Reißwolf entgangen sind.

Klaus Staeck ist Grafiker und Autor.

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