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Donald Trump hat nichts zu den politischen Debatten im Land beigetragen.

Donald Trump

Klatsch ist keine Politik

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Warum das Trump-Buch "Fire and Fury" an den eigentlichen Problemen der USA vorbeigeht.

Es ist kein Zufall, sondern nur konsequent: Ausgerechnet ein Klatschkolumnist schreibt eine Insidergeschichte über die ersten Monate von Donald Trump im Weißen Haus. Nichts könnte zu dieser Präsidentschaft besser passen, die mehr als jede andere zuvor geprägt ist von Klatsch und Tratsch über die Kabalen, Intrigen und persönlichen Eigenschaften der mächtigen weißen Männer im Weißen Haus.

Ein Buch wie „Fire and Fury“ von Michael Wolff hätte es nicht über Barack Obamas erstes Jahr als Präsident geben können, denn damals stritten der Präsident und die anderen Politiker in Washington über zentrale politische Fragen, allen voran über die Gesundheitsreform. Nach langem Ringen setzte Obama diese größte Sozialreform seit den 60er-Jahren durch.

Ein solches Buch hätte es nicht einmal über George W. Bush geben können, wenn auch aus einem anderen Grund: dem Anschlag des 11. September 2001. Doch schon in den Monaten davor bestimmte nicht Klatsch die Debatten, sondern der Streit zwischen den neokonservativen Beratern des Präsidenten und ihren politischen Gegnern.

Und heute? Steht ein Präsident an der Spitze des mächtigsten Staates der Welt, der gar keine konsistente politische Agenda hat. Zwar schwadroniert er immer wieder über die Grenzmauer zu Mexiko und den Freihandel, zu viel Umweltschutz und Einwanderung. Aber erreicht hat er bislang vor allem eine Steuerreform, die von den Republikanern seit Jahren geplant war – und ein Geschenk für reiche Unternehmer wie ihn selbst ist.

Trump hat nichts zu den politischen Debatten im Land beigetragen. Seine größte Leistung besteht im Unterzeichnen von Dekreten, die Errungenschaften von Barack Obama zurücknehmen. Er folgt dabei den Einflüsterungen von erzkonservativen, nationalistischen Ideologen wie Stephen Bannon, seinem ehemaligen Chefberater. Mit dem hat er sich zwar schon vor dessen derben Zitaten in Wolffs Buch überworfen, doch seine Ideologie exekutiert er bis heute.

Auf der Strecke bleibt dabei eine zukunftsorientierte Politik. Statt in das kaputte Bildungssystem, die marode Infrastruktur und moderne Energietechniken zu investieren, beschneiden die Republikaner und ihr Präsident mit der Steuerreform dem Staat die Mittel zum Handeln, propagieren sterbende Technologien und ein kulturelles Rollback. Zudem isolieren sie die USA global. Die Gegner Amerikas frohlocken angesichts der paralysierten US-Politik, die China und Russland das Feld überlässt und sich nicht um die Interessen der Verbündeten in Europa oder Asien schert.

Von all diesen Problemen erfährt der Leser in „Fire and Fury“ nichts. Stattdessen wiederholt Wolff in etwas anderen Worten, mit ein paar anderen Quellen und Zitaten das, was die hervorragenden Reporter von „New York Times“ und „Washington Post“, „Politico“ und „Mother Jones“ längst berichtet haben.

Das ist in zweierlei Hinsicht so überflüssig wie Trumps Präsidentschaft für die Menschheitsgeschichte. Erstens: Wer es noch nicht weiß, muss im letzten Jahr im Koma gelegen haben – was zum Glück nur auf sehr wenige Menschen zutreffen dürfte.. Und zweitens: Die meisten Protagonisten aus der von Wolff beschriebenen Chaos-Zeit mussten das Weiße Haus längst verlassen. Dank des neuen Stabschefs John Kelly funktioniert die Machtzentrale zumindest ansatzweise so, wie es sich gehört.

Wenn es eines Buchs über das Weiße Haus bedürfte, dann wäre es eines über den Zustand des Landes. Denn die USA waren zwar schon vorher gespalten in zwei politische Lager, die kaum noch Wege zur Zusammenarbeit fanden. Doch Trump hat nicht nur diese Gräben vertieft, er hat neue gegraben. Obendrein hat er das Niveau der politischen Debatten auf eine Weise gesenkt, dass die komplexen Probleme der Gegenwart kaum noch diskutiert werden können.

Die Politiker und Medien, die nicht alle Rationalität fahren lassen und Kritik an der schlichten Weltsicht der Regierung äußern, werden vom Präsidenten persönlich aufs Übelste beschimpft. Gleiches gilt für die Justiz und das FBI.

Der Schaden für die demokratische Kultur und den Rechtsstaat lässt sich kaum ermessen. Auch deshalb ist Wolffs Buch ein Ärgernis: In den USA geht es um weit mehr als die Intrigen einer unfähigen Administration. Eine der ältesten Demokratien der Welt erlebt ihre schlimmste Krise seit dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert.

Einen Trost immerhin bietet Wolffs Anekdotensammlung. Sie liefert ein paar weitere Hinweise dafür, dass Trump und seine Leute die Aufklärung der russischen Einmischung in die Wahlen 2016 verhindern wollen. Das macht dem Sonderermittler Robert Mueller die Arbeit leichter – und dürfte dem Präsidenten und seinen Vasallen bei den Kongresswahlen im November mehr schaden als der Rest dieses Buches.

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