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Bringt Journalisten in eine Zwickmühle: Donald Trump

Donald Trump

Der King of Kotzbrocken

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Trumps Lügen-Tower steht – hoffentlich – vor dem Einsturz. Doch selbst dieser Mann ist nicht vom Himmel gefallen. Die Kolumne.

Was tun mit Trump? Journalisten in den USA quälen sich mit dieser Frage: Halten wir uns an unsere Regeln, wenn der sich an keine gebunden fühlt? Wie können wir über einen, den wir als ernste Bedrohung der Demokratie betrachten, nüchtern berichten? Müssen, wollen, dürfen wir überhaupt „fair“ sein zu diesem Bulldozer? Die Frage zielt mitten rein ins journalistische Selbstverständnis. Wenn vieles, was ein Kandidat von sich gebe, „unverschämt falsch“ sei, fragte neulich ein US-Magazin, „machen sich Medien nicht schon durch bloßes Zitieren zum Komplizen bei der Verbreitung von Falschinformationen?“.

Ja. Und genau darauf baut der Rechtspopulist: Dass die von ihm so heftig bespuckte „Lügenpresse“ artig verbreitet, was er gerade wieder ausgeheckt hat. Es ist die perfekte Zwickmühle. Tun wir es nicht, ruft er: „Da seht ihr es, die Bastarde schweigen mich tot!“ Berichten wir aber ganz lieb, freut sich der Populist – und verachtet uns nur noch mehr. Und wir fühlen uns, mit Recht, schmutzig benutzt.

Ich war gerade wieder länger in den USA. Mein Unbehagen war heftiger denn je – als würde gleich etwas Großes aus dem Gleis springen, aus der Kurve krachen. Auch glücklich daheim lässt mich der US-Irrsinn nicht los. Auf meinem Nachtisch lauert ein Stapel Trump-Bücher. Von solcher Bettlektüre ist übrigens dringend abzuraten. Man schläft lausig.

Klar: Trump ist der King of Kotzbrocken. Er dürstet seit Sandkastentagen nach Rache. Er beschimpft, beleidigt, bedroht und verklagt jeden, der ihm im Weg steht. Er lügt. Die Fakt-Checker machen seit Monaten Nachtschichten, um Trumps Lügen-Tower Stockwerk für Stockwerk zu demontieren. Löblich.

Doch was nützt es? Sind jene, die seinen Hass, seine Paranoia, sein spätmaskulines Geprotze bejubeln, durch Argumente erreichbar? Kaum. Während der Journalist noch penibel die Fakten prüft, hat der postfaktische Populist längst nachgeladen, sein nächstes politisches Dumdumgeschoss eingeschoben. Er macht einmal bum. Und wir alle sind wieder tagelang beschäftigt.

Europa kennt das. So macht es die AfD. So lief es bei Haider und – jawohl – im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Nie ging es ums bessere Argument. Sondern ums rechte Gefühl. Um die Produktion von Neid, Zorn, um Abgrenzung, um die Erniedrigung anderer: Juden, Muslime, Mexikaner, Frauen, Schwarze, Flüchtlinge … Egal. Es findet sich immer eine Grube für den eigenen Mist. Ideal wäre, falls Trump verliert:

1. Dass die Republikaner nicht seiner finalen Dolchstoßlegende folgen und „Wahlbetrug“ brüllen. Sondern der Schmerz sie zur Erkenntnis treibt, dass ihr Trump nur der vorläufige Tiefpunkt einer Abwärtsspirale war, die vor 22 Jahren mit Newt Gingrichs begann.

2. Dass die Faszination für solche Typen uns Journalisten nicht zum Resonanzboden von deren Propaganda macht. Und wir einen „Murrow moment“ haben, wie „Columbia Journalism Review“ schreibt. Der CBS-Fernsehjournalist Ed Murrow nahm 1954 die Angstrhetorik des Kommunistenjägers McCarthy auseinander. „Wir sind Komplizen“, sagte er, „wenn wir nicht aufstehen und dagegen angehen.“ Dann hob er den Blick in die Kamera und sprach: „Good night and good luck!“

Tom Schimmeck ist Autor.

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