1. Startseite
  2. Meinung

Kinder im Krieg: Sie müssen mit unseren Waffen kämpfen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

„Kindersoldaten“ im Jemen: Im Jahresbericht des UN-Generalsekretärs zu Kindern und bewaffneten Konflikten sind 61 bewaffnete Gruppen und Armeen aus 14 Ländern in Amerika, Afrika und Asien gelistet, die Kinder im Jahr 2020 als Soldat*innen rekrutiert, getötet, verstümmelt, entführt oder sexuell missbraucht haben oder Schulen und Krankenhäuser angegriffen haben.
„Kindersoldaten“ im Jemen: Im Jahresbericht des UN-Generalsekretärs zu Kindern und bewaffneten Konflikten sind 61 bewaffnete Gruppen und Armeen aus 14 Ländern in Amerika, Afrika und Asien gelistet, die Kinder im Jahr 2020 als Soldat*innen rekrutiert, getötet, verstümmelt, entführt oder sexuell missbraucht haben oder Schulen und Krankenhäuser angegriffen haben. © Nariman El-Mofty/dpa

Zwangsrekrutierte Minderjährige in Krisenregionen erleiden schwerste Traumata. Dazu tragen auch Exporte deutscher Waffen bei. Ein Gastbeitrag von Ralf Willinger (Terre des Hommes).

Innocent Opwonya, 31, ist ein beeindruckender junger Mann: groß, feine Hände, strahlende Augen. Wenn er Schülerinnen und Schülern seine Geschichte erzählt, hören sie gebannt zu. Die langen Narben an seinen Beinen sehen sie nicht. Als Zehnjähriger war er Kindersoldat in Uganda, sein Gewehr ein deutsches G3. Er war verzweifelt, wäre fast gestorben. Dann konnte er fliehen, hat überlebt, einer von Wenigen, es war ein langer, harter Weg. Gerade ist er Vater geworden und sehr glücklich.

Jedes Jahr erscheint die „Liste der Schande“ im Jahresbericht des UN-Generalsekretärs zu Kindern und bewaffneten Konflikten. Im aktuellen Bericht sind dort 61 bewaffnete Gruppen und Armeen aus 14 Ländern in Amerika, Afrika und Asien gelistet, die Kinder im Jahr 2020 als Soldat*innen rekrutiert, getötet, verstümmelt, entführt oder sexuell missbraucht haben oder Schulen und Krankenhäuser angegriffen haben.

Ein Großteil der Waffen in diesen Ländern stammt von den sechs größten Rüstungsexporteuren der Welt: USA, Russland, Frankreich, Deutschland, China und Großbritannien. „Gekämpft haben wir mit Euren Waffen“ – brachte es der ehemalige Kindersoldat Junior Nzita in seiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat im März 2015 auf den Punkt.

Wie Waffen in Konfliktländer und in die Hände von Kindersoldat*innen gelangen, zeigt eine neue Fallstudie von Terre des Hommes und dem Global Net Stop the Arms Trade für Kolumbien und Myanmar – den beiden Ländern mit den längsten bewaffneten Konflikten der Welt.

Der Autor

Ralf Willinger ist Experte für Kinder in bewaffneten Konflikten und Friedensarbeit bei der Kinderrechtsorganisation Terre des Hommes.

Internationale Verträge und Gesetze wie der Waffenhandelsvertrag, der Gemeinsame Standpunkt der EU zu Waffenexporten oder nationale Exportregeln vieler Länder, zum Beispiel die Politischen Richtlinien der Bundesregierung, verbieten Rüstungsexporte in Länder mit schweren Menschenrechtsverletzungen und bewaffneten Konflikten – eigentlich. Doch leider halten sich viele Regierungen und Unternehmen nicht daran.

Das gilt auch für Deutschland: 2021 hat die Bundesregierung Rüstungsexporte im Gesamtwert von über elf Milliarden Euro genehmigt, ein neuer Rekord. Größter Empfänger 2021 war Ägypten, bekannt für die Verletzung von Menschenrechten und seine Verwicklung in die Konflikte im Jemen und in Libyen. Das Europäische Parlament hat 2021 betont, dass „Waffenexporteure mit Sitz in der EU, die den Konflikt im Jemen anheizen, mehrere Kriterien des rechtlich verbindlichen Gemeinsamen Standpunktes zu Waffenausfuhren nicht einhalten“. Neuntgrößter Empfänger deutscher Rüstungsgüter war letztes Jahr Brasilien, dessen Polizei zu den brutalsten der Welt gehört und amtlichen Statistiken zufolge 2019 für die Tötung von über 1500 Kindern und Jugendlichen verantwortlich war.

Die neue Bundesregierung muss Rüstungsexporte in Länder, die in bewaffnete Konflikte und schwere Menschenrechtsverletzungen verwickelt sind, dringend gesetzlich stoppen. Das betrifft unter anderem Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Israel, Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Indien, Indonesien und Pakistan. Solche Rüstungsexporte müssen weltweit geächtet, gesetzlich verboten und strafverfolgt werden.

Die Beihilfe zu Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen durch Rüstungsexporte muss ferner konsequent strafverfolgt werden – auch vom Internationalen Strafgerichtshof. Dieser prüft derzeit eine Strafanzeige von Menschenrechtsorganisationen, die europäischen Rüstungsfirmen wie Airbus, Rheinmetall, Leonardo und BAE Systems und staatlichen Akteuren aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien Beihilfe zu Kriegsverbrechen vorwirft. Es geht um Tausende Angriffe auf zivile Märkte, Kliniken und Schulen im Jemen, ausgeführt von der Militärkoalition um Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten.

Vor 20 Jahren, am 12. Februar 2002, trat das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention zum Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten in Kraft. Es wurde von einer internationalen Koalition von sechs Menschenrechtsorganisationen, darunter Terre des Hommes, initiiert und durchgesetzt, die damals in Genf die erste Rote-Hand-Aktion durchführten. Seitdem wird an diesem „Red Hand Day“ weltweit gegen die Rekrutierung von unter 18-Jährigen als Soldat*innen und gegen Waffenexporte in Konfliktländer protestiert. Auch Innocent Opwonya setzt sich seit langem für diese Forderungen ein. „Ich will kein Mitleid. Ich will die Menschen dazu bewegen, aktiv zu werden“, sagt der ehemalige Kindersoldat. „In Demokratien hat jeder eine Stimme, man muss sie erheben für die Rechte der Kinder, gegen Gewalt und Waffenexporte. “

Auch interessant

Kommentare