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Kinder und andere Naturkatastrophen

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Von: Sabine Rennefanz

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Babys halten sich nicht an Termine. Sie können jeden Tagesablauf sprengen. Kann man wirklich nichts dagegen unternehmen. Eine Kolumne.

Fast alle sind sich heutzutage einig, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein erstrebenswertes Ziel ist. Die einzigen, die sich dem Zeitgeist verweigern, sind Kinder. Diese kleinen Anarchos sind mit den Terminplänen des modernen Angestellten nicht kompatibel. Man kann alles noch so schön planen, ein kleines Kind hat das Potenzial, jeden Tagesablauf zu sprengen. Es richtet sich nicht nach Dienstplänen oder Terminkalendern. Es wirkt wie eine Naturkatastrophe. Auch die Schäden sind manchmal ähnlich.

Vergangene Woche zum Beispiel hatte ich einen wichtigen Abendtermin, ich fieberte seit Wochen darauf hin. Ein ganzer Abend. Ohne Kinder. Nur unter Erwachsenen. Doch Tage vorher wurde ich nervös. Einmal, mein Sohn war ein knappes Jahr, saß ich an einem Samstagabend im Konzert eines Freundes. Nach einer halben Stunde summte mein Handy. „39,8 Fieber. Er röchelt.“ Ich starrte den Bildschirm an, ich konnte es nicht glauben. Als ich das Haus vor einer Stunde verlassen hatte, hatte er völlig gesund gewirkt. Er war nie zuvor krank gewesen.

Das Handy summte wieder: „Jetzt 40!!!“. Ich hätte jetzt sagen können, ist mir doch egal, bin halt weg, Handy aus. Aber ich bin auch eine von diesen verweichlichten Müttern, die immerzu dafür sorgen wollen, dass es ihrem Kind gut geht. Als mein Sohn ein paar Wochen alt war und zum ersten Mal Schluckauf bekam, hätte ich vor Schreck am liebsten den Notarzt gerufen. So bin ich heute nicht mehr. Ich rannte damals aus dem Konzert, fuhr mit dem Taxi nach Hause und dann zur Nachtapotheke. Seitdem haben wir einen Schrank gefüllt mit Fiebersaft.

In der vergangenen Woche nun sah alles gut aus. Dann rief am Nachmittag die Kita im Büro an, mein Sohn sei krank und müsse abgeholt werden, Fieber, starke Bauchschmerzen.

Ich machte mir Sorgen um meinen Sohn, vor allem aber um meinen Abend. Was für ein Timing! Wie hatte er das wieder geschafft, meinen Plan ins Wanken zu bringen? Ich dachte nach. Ich würde mich von dieser kleinen Störung nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ich fuhr nach Hause und machte einen Plan: Mein Mann würde mit unserem Sohn zur Not zur Rettungsstelle fahren, ich würde unsere Tochter der Babysitterin übergeben und dann allein zu meinem Termin spazieren.

Während ich darüber nachdachte, merkte ich, wie ich panischer wurde. Fieber und Bauchschmerzen klang nicht gut. Was, wenn er was Ernstes hat? Plötzlich sah ich einen OP-Saal vor mir. Wie kann ich ausgehen, während mein Sohn leidet? Mir fiel auf, dass meine Panik wahrscheinlich die Kinder verunsichern würde, was mich wiederum noch panischer machte.

Ich träume von einer Betriebsvereinbarung mit meinen Kindern, in denen festgelegt wird, dass alle sich doch bitte an die festen Zeiten und Abläufe zu halten haben. Doch es ist schwer, weil man mit einem Dreijährigen schwer verhandeln kann.

Nachdem mein Mann und mein Sohn sich auf den Weg gemacht hatten, erkannte unsere Tochter ihre Chance. Schon bevor die Babysitterin ankam, fing sie an zu schreien, sie lief rot an, die Tränen schossen aus den Augen. Sie ließ sich von niemandem beruhigen. Schließlich nahm ich sie alle mit auf meinen Abendtermin, die Babysitterin, das Baby.

Was soll ich sagen: dem Baby gehörten der Abend und der Applaus. Und der Große musste auch nicht operiert werden.

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