Kolumne

Kiez und Kohle

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Kreuzberg ist voll authentisch, und das muss auch so bleiben. Man denke nur an all die schönen Läden: Nike-Schuhe oder Japanese Deli.

Ich war also doch nicht die Letzte, die vom neuen Luxushotel am Oranienplatz erfuhr. Denn als ich meinen Freundinnen bei einem gemeinsamen Abendessen davon erzählte, waren sie ebenso überrascht wie verärgert. Das zerstöre den Kiez, fanden sie, und wie man so etwas ausgerechnet nach Kreuzberg bringen könne. Sie gingen da jedenfalls nicht hin.

Ich bin mit Gerhard-Seyfried-Comics und Ton Steine Scherben aufgewachsen. Die Revolutionären 1.-Mai-Demonstrationen gehörten zu Berlin wie Tennisplätze zu Zehlendorf. Insofern kann mir so ein Hotel in „Kreuzberg 36“ doch auch nicht egal sein.

In der Woche drauf habe ich einen Termin in der Gegend und laufe zufällig am besagten Hotel vorbei. Unbekannte (nein, nicht meine Freundinnen) haben dort in der Nacht mehrere Fensterscheiben zerstört. Zuvor gab es bereits Proteste, weil Anwohner befürchteten, das Hotel treibe die Mieten hoch. Ausgerechnet in Kreuzberg, diesem liebevoll unkommerziellen, linksalternativen Bezirk.

Wie kann man diese Subkultur schützen? Ich denke darüber in einem kleinen Café nach oder wie es jetzt hier heißt: in einer Coffee Roastery. Daran zeigt sich gleich, wie multikulturell der Kiez ist. Das merke ich auch, als ich nach einem Mittagstisch Ausschau halte. Lieber ins Japanese Deli oder in die ayurvedische Feinkostmanufaktur?

Ohnehin gibt es hier sehr viele Manufakturen, fällt mir auf. So als hätte es die Industrialisierung nicht bis zum Moritzplatz geschafft. Gut, für deren Preise muss ein Punker am Kottbusser Tor lange schnorren, aber Hauptsache keine kommerzielle Massenware.

Ich entscheide mich für einen kleinen Laden, in dem es das koreanische Reisgericht Bibimbap gibt. Um mich herum sitzen viele junge Leute, die über Projekte reden. Schwer zu sagen, ob es sich dabei um ehrenamtliche Nachbarschafts- oder um internationale Soli-Projekte handelt.

Die Köchin des Ladens sucht mit einem selbst gemalten Aushang ein WG-Zimmer für bis zu 500 Euro. Das ist ein ganz schön kapitalistischer Preis, denke ich. Aber heutzutage gibt es ja die gemeinschaftsorientierte Sharing Economy. Das heißt, Leute teilen ihre Ressourcen und tauschen sie. Im Oranienkiez etwa, wo auch das neue Hotel steht, tauschen viele trotz Zweckentfremdungsverbot ihre Wohnungsressourcen mit Touristen gegen viel Geld. Das wirkt sich natürlich ein bisschen ungünstig auf den eh schon angespannten Markt aus.

Nach dem Essen schlendere ich durch die Oranienstraße und sehe in einem Laden für urbane Designerkleidung einen kleinen Flyer, der unten an die Schaufensterscheibe geklebt ist. Man entdeckt ihn, wenn man die dort ausgestellten Nike-Turnschuhe betrachtet. Auf dem eng bedruckten Blatt wird man auf Englisch und zwar nur auf Englisch darüber aufgeklärt, dass die Oranienstraße the pulsing heart of Kreuzberg 36 ist und Geschäftsinhaber gegen die Gentrifizierung demonstrieren. Investoren würden nämlich versuchen, Profit aus der attraktiven Lage zu schöpfen, um die Mieten zu erhöhen. Berlin belongs to the residents, schließt das Flugblatt, not to the speculators.

Absolut, denke ich, und hoffentlich bleibt das auch so. Man muss wirklich aufpassen, dass hier nichts passiert, was die Gegend in einem monetären Sinne aufwerten würde. Nicht, dass das linksalternative Kreuzberg zur Kulisse verkommt. Wäre schade drum.

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