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Kicker und Klischees

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Hans-Hermann Kotte ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau
Hans-Hermann Kotte ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau © FR

So wie der DFB -Präsident agiert hat, wird sich ihm kein schwuler Fußballer mehr anvertrauen. Der Fall Amerell zeigt auch, dass immer noch viele Vorurteile gegen Homosexuelle bestehen. Von Hans-Hermann Kotte

Von Hans-Hermann Kotte

Schwul, das ist im Fußball noch immer ein Schimpfwort. Stammtisch-Töne dominieren auf den Rängen der Stadien und den Fußballplätzen. Ihre Vorstellung vom harten Kerl auf dem Rasen wollen sich Publikum und Mitspieler nicht nehmen lassen. Ein Schwuler im Team - das hat etwas geradezu Bedrohliches, gefährdet das Selbstbild auch vieler Fans.

Homosexualität ist im Fußball bis heute ein Tabu-Thema, eine heikle Angelegenheit, die mit Verdrängung und Realitätsverleugnung, mit Heimlichkeiten und Versteckspiel einhergeht. Der skandalöse Umgang des DFB mit dem Fall des Schiedsrichterfunktionärs Manfred Amerell und des Referees Michael Kempter ist dafür ein deutlicher Beleg.

Zwar hat sich DFB-Chef Theo Zwanziger dem Kampf gegen Homophobie und Rassismus in den Stadien verschrieben wie keiner seiner Kollegen zuvor. Doch als es dann zum Ernstfall im Nahbereich kommt, da versagen Zwanziger und seine Mitarbeiter komplett. Ein Schwuler - nämlich Amerell - auf der Führungsebene des DFB, sogar in der Altersgruppe von Theo Zwanziger. Da kann dann nicht sein, was nicht sein darf.

Die Möglichkeit, dass hier eine einvernehmliche Beziehung zwischen zwei Schiedsrichtern in den Rosenkrieg übergegangen ist, wurde von der DFB-Spitze gar nicht erst erwogen. Stattdessen legte man sich auf "sexuelle Belästigung" fest und ließ zu, dass üble Klischees und Vorurteile ihre Wirkung entfalten konnten: Der alte Mann muss der Täter sein, der junge Mann das Opfer. Die tiefsitzende Männerangst obsiegt: Der Schwule geht dem Hetero ans Leder.

Statt die Frage eines möglichen Amtsmissbrauchs intern zu klären, stellte sich Theo Zwanziger klar auf eine Seite - und befeuerte eine beispiellose mediale Schlammschlacht. Die Schiedsrichter beharkten sich gegenseitig in Interviews, intime E-Mails und SMS wurden öffentlich. In manchen Medien wurden gar die Modefrisur und die "weichen Gesichtszüge" des Schiedsrichters Kempter erörtert. Der junge Mann sehe eher so aus, als gehöre er in eine Tanzschule. Und die Affäre ist noch nicht zu Ende.

DFB-Chef Zwanziger dürfte also das Gegenteil von dem erreicht haben, was er eigentlich im Sinn hatte. Er wollte dazu beitragen, eine gesellschaftliche Atmosphäre zu schaffen, die es einem homosexuellen Bundesliga-Spieler ermöglicht, sich zu outen. Zumindest in ferner Zukunft. Doch welcher schwule Fußballprofi wird sich jetzt noch einem Theo Zwanziger anvertrauen, der Menschen so der Medienmaschinerie ausgeliefert und ihre Karrieren ruiniert hat?

Der Fall Amerell wirft aber auch ein Licht darauf, wie es um die Emanzipation von Schwulen und Lesben in diesem Land bestellt ist. Fortschritte sind sichtbar. Man hat sich gewöhnt an eine Handvoll Symbolfiguren in Kultur, Medien und Politik, an Homosexualität als TV-Thema, an bunte Paraden in den Straßen. Doch es gibt Bereiche, da hat sich fast nichts getan. Dazu gehört nicht nur der Profi-Fußball. Auch in den oberen Etagen von Konzernen und Banken ist Homosexualität immer noch ein Karrierekiller.

Dass es inzwischen die Homo-Ehe gibt, schafft noch längst nicht die festsitzenden Vorurteile aus der Welt. Es ist kein Zufall, wenn derzeit im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch über "Knabenliebe" gewitzelt wird. Es ist kein Zufall, wenn der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit als "Party-Meister" abgemeiert wird.

Und auch wenn es um Außenminister Guido Westerwelle geht, sind eindeutige Untertöne nicht zu überhören. Schon die gängige Formulierung vom "bekennenden Homosexuellen" steht - verklemmt-verschwiemelt im Ton - für das Konservieren einer gesellschaftlichen Abwehrhaltung. Abweichler, bekenne dich!

Wie man sich gegen abgestandene Vorurteile wehrt, hat in einem Spiegel-Interview gerade die lesbische Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel gezeigt. Sie ist mit der TV-Moderatorin Anne Will liiert. Die Spiegel-Journalisten fragten Meckel danach, ob die beiden Frauen, weil sie "sehr feminin" seien, das "Klischee eines lesbischen Paares korrigieren".

Dazu die kurze Antwort der Wissenschaftlerin: "Ich weiß nicht, wie ein typisches Frauenpaar aussieht, deswegen weiß ich auch nicht, wie wir das Bild hätten korrigieren können." Bis ein schwuler Profi-Fußballer mal so ein selbstbewusstes Statement abgibt, wird es noch sehr lange dauern.

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