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Viele vermissen den Aufschwung in den östlichen Bundesländern.

Ostdeutschland

Keine Zeit der Hoffnung und Visionen

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Wie wäre es mit einem Dokudrama über die deutsch-deutschen Vereinigungsjahre rund um 1989? Die Geschichte von Ost und West ist nicht auserzählt. Die Kolumne.

„Krieg der Träume“ heißt eine kleine Serie über die Zwischenkriegsjahre 1918-39, die gerade von Arte und ARD ausgestrahlt wurde. Es geht um die Zeit, in der eine gespaltene Gesellschaft immer polarisierter wurde – bis dann die Demokratie ausgehebelt war. Die These, aus der der Titel wurde: 1918 träumten alle in Europa noch von einer neuen Zeit, von einem besseren Leben. Linke wie Rechte, Arme wie Wohlhabende, überall. Auf den Aufbruch folgte Kampf, dann Gewalt, Krieg, Barbarei. Das alles begann vor genau hundert Jahren. 

Da darf man keine platten Parallelen ziehen. Aber man fragt sich schon: Was ist anders bei der Polarisierung 2018? Wieder einmal gewinnen – in einer sehr veränderten Welt – einfache, populistische Antworten an Resonanz, der Streit wird härter, teilweise geht es schon wieder um den Wert der Demokratie an sich.

Populisten wollen die Vergangenheit

Worum heute eher nicht mehr gestritten wird, sind Träume vom Aufbruch in eine neue Zeit. Es geht um den Schutz eigener Interessen, um Angst vor Abstieg, um Veränderungsscheu, um das Gefühl von Aussichtslosigkeit und ein Sicherheitsbedürfnis. Die Populisten von heute gaukeln nicht Träume vor, sie wollen zurück in die Vergangenheit. In eine überschaubare nationale Welt. Sie profitieren vom Tod der Träume.

Warum ist es so unmodern geworden, Hoffnungen oder Visionen für die Zukunft zu haben? Vor allem: Die Gesellschaft driftet in wirtschaftlicher Hinsicht, bei Einkommen und Vermögen, auseinander. Wer wenig hat, sieht kaum Chancen, das zu ändern. Wer viel hat, will das absichern und ausbauen. Alles ist statisch.

Ost und West ist nicht auserzählt

Jene Mitte der Gesellschaft, in der Wege zum Aufstieg offen stehen und genutzt werden, verliert an Prägekraft fürs Ganze. Selbst das alte bundesrepublikanische Aufstiegsversprechen durch Bildung steht neu infrage. Es zeigt sich, dass sich auch Bildungsober- und Bildungsunterschicht wieder weiter voneinander entfernen, kulturell wie materiell.

„Krieg der Träume“ lief bei Arte ganz gut, beim breiteren Publikum der ARD schlecht, mutlos-spät am Abend ausgestrahlt. Zu weit weg ist diese alte Zeit, zu komplex der erzählerische Ansatz. Die Autoren hatten etwas versucht, an das wir noch lange nicht gewöhnt sind: europäisches Fernsehen im besten Sinn. 

In dem Dokudrama wird die europäische Geschichte anhand von Einzelpersonen und ihren Schicksalen in den verschiedenen Ländern erzählt. Berlin, Paris, Wien, Moskau: Überall passiert etwas, gleichzeitig. Aber mit sehr unterschiedlichen Perspektiven. So gesehen aber hat sich seit 1918 nicht viel geändert. Alle sind sehr auf die deutsche Perspektive festgelegt und eintrainiert.

Nächstes Jahr: 30 Jahre Mauerfall

Wie wäre es mit einem neuen Drehbuch, einem Dokudrama über die deutsch-deutschen Vereinigungsjahre rund um 1989? Was damals in Ost und West passierte und welche Schicksale sich daraus ergaben, ist noch nicht auserzählt. Verdrängung einerseits und Instrumentalisierung andererseits sind die gängigen Umgangsformen. Wie schon oft in der Geschichte, wenn zentrale Ereignisse noch recht nahe sind.

Die Erfahrung, dass sich plötzlich alles ändert. Die Perspektivlosigkeit nach der Euphorie. Die Spanne zwischen Aufbau und Ausplünderung Ost: Da ist die Klischeebildung im Gange. Treiber und Nutznießer: die Rechtspopulisten. Dieses Thema darf ihnen nicht überlassen werden. Nächstes Jahr liegt der Mauerfall 30 Jahre zurück. Die menschlichen Motive 1989: Man könnte glatt von Träumen sprechen.

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