Hongkong-Proteste

Keine Zeit für Freiheit

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Schlägt China den Aufstand in Hongkong nieder? Und wenn ja: Wen regt das auf? Der Leitartikel.

Die Geschichte des noch jungen 21. Jahrhunderts gerät gerade an eine Weggabelung. In Hongkong steht eine Entscheidung an über die globale Bedeutung der Freiheit.

Setzen sich demonstrierende Individuen durch, mit ihren Regenschirmen und Nickelbrillen, mit ihren ebenso chaotischen wie sympathischen Sitzblockaden? Oder wird Chinas Militär diese neue Protestbewegung zertrümmern, samt ihrer aus der Sicht Pekings überkommenen westlichen Leitbilder?

Peking argumentiert, es gehe um Ruhe und Ordnung. Soeben steigerte sich Chinas Regierung zu der kruden Feststellung, die Massendemonstrationen enthielten Elemente von „Terrorismus“. Diese Formulierung müsste die Welt alarmieren. Ist, wer sich nicht der totalitären Herrschaft des chinesischen Staatschefs Xi Jinping unterwerfen will, ein Terrorist? Solche Worte lassen frösteln – weil sie einem stalinistischen Gedanken folgen und einer stalinistischen Tat vorausgehen, von der man nur hoffen kann, dass sie noch verhindert wird.

Wen regt dies alles in Deutschland auf? Schon die Niederschlagung der Demokratiebewegung im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens blieb hierzulande ein Thema für Spezialisten. Der deutsche Mann auf der Straße sagt: China ist weit weg. Die deutsche Managerin in der Chefetage sagt: Die Geschäfte gehen vor. Und die chinesische Führung sagt: Alles, was wir tun, dient einer guten Sache, einem Fortschritt, allerdings einem kollektiven: klug berechnet, geplant und umgesetzt von Präsident Xi.

Und dann gibt es auch noch eine neunstellige Zahl von Festlandchinesen, denen es heute viel besser geht als früher – und die deswegen ihre Führung gar nicht schlecht finden. Xi, so sprachen es dieser Tage Festlandchinesen in die Mikrofone verblüffter westlicher Journalisten, sei doch „ein genialer Präsident“. Die Armut gehe zurück, die Kriminalität ebenso. Dann folgte ein bemerkenswerter Satz: „Zu viel Freiheit ist nicht gut für die Menschen.“

Zu viel Freiheit? Im Westen hätte man so etwas noch Ende der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts als lachhaft abgetan. Die Zeiten ändern sich. Inzwischen bekommen in allen westlichen Staaten jene viel Applaus, die statt etwa China, Russland oder die Türkei zu kritisieren, lieber das eigene, das demokratische System madig machen, zum Beispiel die Parlamente, diese ineffizienten „Quasselbuden“.

Frühere Mutterländer der Freiheit, USA und Großbritannien, sind wegen rechtspopulistischer Abirrungen ausgeschieden aus Debatten um eine philosophische oder gar charismatische Führung der Welt. Und in Deutschland? Hier glomm, wenn man ehrlich ist, im Verborgenen zu allen Zeiten eine Sehnsucht nach dem starken Mann.

Inzwischen allerdings verdüstert sich der Horizont noch mehr, nun auch von links her und von Seiten der Ökologen. Auch in Kreisen von Klimaschützern kursiert der Gedanke, dass „zu viel Freiheit nicht gut ist für die Menschen“. Früher war solches Denken reaktionär, in den Salons heutiger Vordenker bekommt es auch schon mal einen avantgardistischen Klang verpasst.

Jorgen Randers etwa, Norweger und Mitautor der Berichte an den „Club of Rome“, vertritt schon seit langem die These, man müsse auf ein System wie in China setzen, anders ließen sich die Klimaziele nicht erreichen. Klarer Fall: Warum sollte man sich durch niedliche Umständlichkeiten wie Individualismus, Parlamentarismus und Rechtsstaatlichkeit bremsen lassen, wenn doch die Rettung des Planeten auf dem Spiel steht, etwas Höheres also als bloß Freiheit und Demokratie?

Rundum wächst derzeit eine ungesunde Atemlosigkeit, in allen Lagern. In seltsamer Eintracht fordern Rechte wie Linke eine Politik der harten Hand und schimpfen auf „die da oben“, die offenkundig jedes Bewusstsein für die wahren Probleme verloren hätten.

Ein weltweiter politischer Klimawandel ist im Gang. Jahrzehntelang sah man in vielen Staaten gesellschaftliche Liberalität reifen. Inzwischen aber heult ein eisiger Wind rund um den Globus. Für Diktatoren wird es jetzt leichter, den Ruf nach Freiheit zu ersticken. Und für Dritte wird es leichter, den Ruf zu überhören.

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