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Silke Maier-Witt bereut.

Silke Maier-Witt

Keine Heldengeschichte der Selbstaufklärung

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Die ehemalige RAF-Terroristin Silke Maier-Witt hat sich für ihre Tat entschuldigt. Das ist keine Heldentat, aber es hilft. Unser Leitartikel.

Es ist kaum zwei Wochen her, da kam es in Berlin zu einer denkwürdigen Diskussion über den Terror des „Deutschen Herbstes“ 1977, der in die Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer mündete und mit dessen Ermordung seinen traurigen Höhepunkt erreichte. Bemerkenswert war die Veranstaltung des Wochenmagazins „Der Spiegel“ im Berliner Babylon-Kino allein aufgrund der ungewöhnlichen Besetzung des Podiums.

Der ehemalige RAF-Anwalt und spätere Politiker Christian Ströbele kam dort ins Gespräch mit dem früheren Innenminister Gerhart Baum (FDP) und der verurteilten RAF-Terroristin

. Eine Mittäterin, Juristen, Politiker und Journalisten leisteten eine Erinnerungsarbeit der besonderen Art, ohne jenem Schlüsselereignis der bundesrepublikanischen Gewaltgeschichte abschließend auf die Schliche zu kommen.

Silke Maier-Witt verfügt über Täterwissen

Das lag auch daran, dass die hinreichend über Täterwissen verfügende Silke Maier-Witt zwar redlich um Auskunft bemüht war, aber doch nur bedingt in der Lage schien, die Trümmer ihrer mit Schuld beladenen Lebensgeschichte zu einer nachvollziehbaren Erzählung zusammenzufügen. Auf dem Podium saß eine alte, zerbrechliche Frau, die sich nur schemenhaft daran zu erinnern vermochte, wer die Terroristin Silke Maier-Witt war und wie sie dachte.

Und doch scheint ihr nun eine wichtige Rolle bei der Auflösung der immer noch zahlreichen Rätsel und Abgründe des RAF-Terrorismus zuzukommen. In einem mehrstündigen Gespräch mit Jörg Schleyer, dem jüngsten Sohn des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten, hat sie ihm gegenüber die Namen jener drei Personen offenbart, die in dem Augenblick bei Schleyer waren, als die tödlichen Schüsse abgegeben wurden.

Das muss nicht zwangsläufig zu einer Aufklärung im juristischen Sinne führen, aber ihre Gesprächsbereitschaft, die Maier-Witt gegenüber Jörg Schleyer auch mit dem Versuch einer verspäteten Entschuldigung verband, ist das erste nennenswerte Signal einer Person aus dem Täterumfeld, jenes monströse Schweigen zu brechen, das den Linksterrorismus der 70er Jahre als undurchschaubaren Tatkomplex einer verschworenen Gemeinschaft erscheinen lässt.

Brechen ehemalige RAF-Leute ihr Schweigen?

Maier-Witts Bedürfnis, ins Gespräch zu kommen, hat sich in quälender Langsamkeit angekündigt. Bereits 2007 hat sie in einem Interview mit der „FAZ“ über ihre schuldhaften Verstrickungen gesprochen. Es falle ihr immer schwerer nachzuvollziehen, was sie damals gedacht habe. „Je älter ich werde, umso schwerer fällt es mir, mich mit meiner Vergangenheit auszusöhnen. Ich sehe immer deutlicher, was ich durch meinen Lebensweg versäumt habe.“ Aus Sätzen wie diesen war trotz aller Eingeständnisse eine verletzte Selbstbezüglichkeit herauszulesen, aus der heraus Maier-Witt nicht imstande schien, den vermeintlichen Schutz der Tätergemeinschaft aufzugeben, der durch das Verschweigen der Tathergänge eben auch garantiert war.

Aus dem nun erfolgten späten Bekenntnis der Silke Maier-Witt wird deshalb keine Heldengeschichte der Selbstaufklärung. Allenfalls kann es dabei helfen, dass weitere frühere Angehörige der RAF mit Täterwissen ihrem Beispiel folgen. Sei es, weil der individuelle psychische Druck im Verlauf der Jahrzehnte des Verschweigens noch größer geworden ist oder weil die gesellschaftliche Stimmung sich dahingehend verändert hat, dass ein Geständnis nicht nur Ablehnung und Entsetzen, sondern inzwischen auch Anerkennung, mindestens aber eine Spur von Achtung hervorrufen könnte.

Die inneren Kämpfe, die es dabei auszutragen gab und gibt, betreffen nicht allein die Täter von damals. Das Bekenntnis der Silke Maier-Witt ruft auch auf schmerzhafte Weise in Erinnerung, dass der RAF-Terror nur möglich war, weil es, wie Jan Philipp Reemtsma es einmal ausgedrückt hat, einen verständnisvollen Dritten gab, jene Gruppe von Sympathisanten und Unterstützern, die den Verlockungen eines Versprechens auf Authentizität und Widerstand erlagen, das die Mörder der RAF auch repräsentierten.

Die Nachricht vom Treffen zwischen Schleyer und Maier-Witt kommt gerade recht in einer Zeit, in der neue terroristische Bewegungen ihrem mörderischen Handwerk der Propaganda der Tat nachgehen. Bislang besteht wenig Aussicht auf Hoffnung, dass etwa Beate Zschäpe, die mutmaßliche Mittäterin der rechtsradikalen Mörderbande des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), den Schleier ihrer ideologischen Verblendung heben und intime Einblicke in die Strukturen des rechten Terrorismus geben könnte.

Und doch hat auch ihr Prozess, der sich schleppend dahinzieht, mehr als deutlich zum Vorschein gebracht, dass nicht nur die Angehörigen der Opfer das dringende Bedürfnis nach Aufklärung haben, sondern auch eine Gesellschaft, die sich nicht damit abfinden kann, dass es Gruppen gibt, die sich ermächtigen, über Leben und Tod zu entscheiden.

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