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Keine große Gerechtigkeitslücke

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Von: André Mielke

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Den Geflügelarbeitern in den USA geht es häufig unwesentlich besser, als den Hühnern.
Den Geflügelarbeitern in den USA geht es häufig unwesentlich besser, als den Hühnern. © dpa

In manchen Tiermastbetrieben hängt das ärmste Schwein nicht am Haken, sondern steht daneben. Die Kolumne.

Hanson arbeitet in einer Geflügelfabrik im US-amerikanischen Arkansas. So wie seine Mutter. Einmal musste er mit ansehen, wie Mom sich am Band in die Hose machte. Dabei hat sie keine schwache Blase. Es ist nur so: Sie kann während der Schicht schlecht aufs Klo. Viele US-Geflügelarbeiter dürfen nicht, wenn sie müssen. Die Menschenrechtsorganisation Oxfam hat die Verhältnisse jahrelang recherchiert. Schwangere bekommen kaum mildernde Umstände. Manche Frauen können ihre Menopause kaum erwarten. Hansons Mutter trägt inzwischen Windeln. Ihre Kollegin Dolores behalf sich erst mit einer diskreten Slipeinlage, stieg aus Kapazitätsgründen dann aber auch auf Pampers um.

Warum erzähle ich das? Wegen der Küken. Ein deutsches Gericht hat entschieden, dass die gelben Flauschkörper geschreddert werden dürfen, außer im Büro und nicht ohne vernünftige, sprich: finanzielle Gründe. Das treibt die Leute um. Viele sagen, es stehe dem Menschen nicht zu, sich derart über vermeintlich niedere Kreaturen zu erheben.

Ich verstehe nichts von Tierethik. Aber die Szenen aus den USA stimmen mich optimistisch. Die Gerechtigkeitslücke zwischen Mensch und Tier ist nicht so groß, wie immer behauptet wird. Sie scheint sich sogar zu schließen. Gut, es gibt noch Unterschiede. Die Angestellten stehen nicht auf Metallgittern, während sie unter sich kleckern. Obwohl ihr Stoffwechsel betriebswirtschaftlich so unvernünftig ist wie die Existenz eines männlichen Kükens, werden sie in aller Regel nicht fragmentiert. Andererseits haben die Hähnchen wenigstens nicht noch ihr ganzes Leben vor sich. Unter den gegebenen Umständen ist es wohl ein Akt der Barmherzigkeit, sie nicht erst nach vollstreckter Mast zu füsilieren.

Jose aus Alabama sagt, man ließe ihn nur während der Mittagspause. Pedro aus North Carolina hat deshalb jetzt Probleme mit der Prostata. Er kriegte Krämpfe, weil er vorsichtshalber zu wenig getrunken hatte. Es soll auch schon das eine oder andere große Geschäft vor Ort ausgetreten sein. Es kommt allerdings auch vor, dass man die Arbeiter dann doch mal zwischendurch auf die Toilette lässt – aber nur so, dass sie sich schon unterwegs die Klamotten vom Leibe reißen. Wer zu spät zurückkehrt, erhält vom Vorarbeiter Tipps gegen Darmdruck und Harndrang. Leider sind die Leute unverbesserlich und ernähren sich trotzdem.

Hier entfaltet sich ein majestätisches Panorama der Nahrungsgüterproduktion unter den Bedingungen des freien Marktes. Es ist wie geschaffen für ein wuchtiges Ölgemälde im Stil des Menzel’schen Eisenwalzwerks: hier das Fließband voller Vögel, dahinter der Häcksler. An beiden Seiten Sortierungskräfte. Einigen treten die Augen aus den Höhlen, andere kneifen die Oberschenkel zusammen. Jemand hat einen dunklen Fleck im Schritt. Der Betrachter kann sich kaum entscheiden, welcher Anblick kläglicher ist.

Um die harmonische Ästhetik der Wertschöpfungskette zu vollenden, müssten die derart erzeugten Chicken Wings den Verbrauchern jetzt nur noch adäquat verabreicht werden. Es gibt Ansätze in der Schnellgastronomie. Und niemand soll sagen, in Amerika wäre alles anders als in deutschen Schlachthöfen. Auch hier hängt das ärmste Schwein nicht am Haken, sondern steht daneben.

André Mielke ist Autor.

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