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Das alltägliche Drama an der mexikanischen Nordgrenze könnte einem das Wasser in die Augen treiben.

Kolumne

Keine deutschen Opfer

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Zum Aufatmen besteht im neuen Jahr nur bedingt Anlass. Da taugen auch Melanias Hosen kaum, und frühe Migranten flohen nach Süden.

Mitten in die erhoffte stillste Zeit des Jahres grätschten Meldungen, die möglicherweise noch vorhandene Illusionen von einer friedlichen Welt zerstören. In Indonesien explodiert ein Vulkan und löst einen Tsunami aus, in Ägypten explodiert eine gegen Touristen gerichtete Bombe. Hunderte von Toten durch Gewalt, die von der Natur und von Menschen ausgeht.

Solche Katastrophenmeldungen sind oft verbunden mit dem Hinweis, dass unter den Opfern keine Deutschen sind. Soll uns das beruhigen? Ginge uns das Leid der Familien der toten Vietnamesen aus dem Bus oder der indonesischen Ertrunkenen näher, wenn es auch deutsche Opfer gäbe? Oder suggerieren solche Angaben, dass das alles weit weg ist und uns nichts weiter angeht?

Wäre es nicht wünschenswert, dass Mitgefühl und Betroffenheit unabhängig von Staatszugehörigkeiten empfunden werden? Vielleicht ist es ja so, dass wir uns das Leid und die Trauer unserer Landsleute besser vorstellen können als das, was eine vietnamesische Familie empfindet, deren Angehörige nicht lebend aus dem Urlaub zurückkommen, oder indonesische Fischer, deren Heimat weggespült wurde.

Wir Deutschen sind erfreulich spendenfreudig, wenn es um Katastrophenhilfe geht, auch ohne persönlich betroffen zu sein. Und wir sind Weltmeister im Reisen. Wenn gemeldet wird, dass unter den Opfern keine Deutschen sind, bleibt Grund zu Trauer und Mitgefühl, aber die potenziell Betroffenen können etwas beruhigter aufatmen.

Aufatmen ist zum Jahresanfang 2019 allerdings nur bedingt angebracht. Das alltägliche Drama an der mexikanischen Nordgrenze könnte einem das Wasser in die Augen treiben. Unvergleichlich aggressiver reizt das Tränengas der US-Grenzschützer in diesen Tagen die Augen der Mittelamerikaner, die der Armut und Gewalt in ihren Heimatländern zu entfliehen suchen.

Sofern sie nicht ohnehin Tränen vergießen, weil Trump ihnen die Kinder verschleppt. Dass die First Lady gleichzeitig mit engen hautfarbenen Lederhosen Verwirrung stiftet, weil ihre Beine wie nackt aussehen, dürfte nicht dazu beitragen, dass die Politik ihres Ehemannes sexy und anziehender wirkt.

Sein brasilianischer Bruder im Geiste hat, gerade im Amt, erwartungsgemäß die Indianerbehörde entmachtet und das Landwirtschaftsministerium gestärkt – gegen Indigene und Umweltschutz. Abholzfirmen, Waffenhändler und die Börse jubeln. Da lobt man sich die Chinesen, die einfach mal schauen, was man mit der Rückseite des Mondes anfangen könnte.

Derweil knipst eine Nasa-Raumsonde Himmelskörper am Rande unseres Sonnensystems und fliegt weiter als jedes menschengemachte Objekt vor ihr. Es wäre schon großartig, wenn uns die wissenschaftliche Raumfahrt etwas mehr über unsere Erde und ihre Entstehung lehrte.

Die Astronomie spielte schon gleich zu Beginn unserer Zeitrechnung eine wesentliche Rolle, denn der Überlieferung nach folgten Besucher aus dem Osten einem Stern, der sie nach Bethlehem führte. Als ihr Gedenktag gilt bei uns der 6. Januar. Sie kamen damals offenbar gerade noch rechtzeitig, bevor Maria und Josef mit Kind aufbrachen, um als Migranten nach Ägypten zu fliehen.

Ihre Wanderrichtung ins nördliche Afrika verlief entgegengesetzt zu heutigen Migrationsbewegungen. Als bekannt darf gelten, dass beim späteren Kindermord von Bethlehem keine Deutschen unter den Opfern waren.

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