Lars Hochmann (Hrsg.), „Economists4Future. Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt“, Murmann-Verlag, 34 Euro
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Lars Hochmann (Hrsg.), „Economists4Future. Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt“, Murmann-Verlag, 34 Euro.

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Keine Ausreden mehr

  • vonClaudia Kemfert
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Das Buch „Economists4Future. Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt“ belebt das Prinzip Neugier einer lebendigen Wissenschaft.

Eins führt uns die aktuelle Pandemie unmissverständlich vor Augen: Unser Wirtschaftssystem ist einer Krise in solchem Ausmaß nicht gewachsen. Es steht vor einem Wendepunkt. Die extreme Abhängigkeit innerhalb globaler Lieferketten macht anfällig. Das System ist nicht nur sozial ungerecht, sondern schadet auch der Umwelt und dem Planeten in nie dagewesener Art und Weise. Vier weitere Planeten bräuchten wir in Reserve, wenn wir den jetzigen Lebensstil aufrecht erhalten wollten. Das wissen wir seit einem halben Jahrhundert, geändert haben wir wenig.

Doch nicht nur das Wirtschaften selbst, auch die Wirtschaftswissenschaften stehen an einem Wendepunkt. Aufgrund der starken Formalisierung und Mathematisierung hat sie sich in den letzten Jahrzehnten von den realen Prozessen immer weiter entfernt. Was außerhalb der reinen ökonomischen Logik liegt, geriet aus dem Focus. Unbeirrt von aller praktischen Erfahrung sind die Forschung und Lehre immer noch auf den „Homo Oeconomicus“ fixiert, also jenes eher fiktive Wesen, das Nachfrageentscheidungen allein auf Grundlage von Einkommen, Preisen und bestimmten Präferenzen trifft. Die Kritik daran – und an dem zugrunde liegenden Menschenbild – wird immer lauter. In jungen wissenschaftlichen Netzwerken werden inzwischen gezielt möglichst unterschiedlichste Forschungsansätze als „Plural Economics“ zusammengeführt.

Dabei hat sich die akademische Welt wie so viele andere durchaus von der internationalen „Fridays for Future“-Bewegung inspirieren lassen: Den Anfang machten etwa 20.000 „Scientists for Future“ aus unterschiedlichsten Disziplinen. Inzwischen gibt es auch die „Economist for Future“. Sie verstehen sich als Weiterdenker*innen, die sich in die „jetzt notwendige Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft“ einmischen wollen – und zwar wissenschaftsbasiert, reflektiert und demokratisch. Im besten Sinne wird so die Demokratie gestärkt, werden wissenschaftliche Diskussionen angeschoben und in Theorie und Praxis neue Ansätze verfolgt. So haben es die Scientists for Future vorgemacht.

Jetzt ist ein ein bemerkenswertes Buch zu diesem Wandel der Wirtschaftswissenschaften erschienen, herausgegeben von Lars Hochmann. Beteiligt haben sich daran 25 Autor*innen mit Beiträgen zu verschiedenen Denkrichtungen der pluralen Ökonomik. Es geht nicht nur um den – dringend notwendigen – Diskurs in und um die Wirtschaftswissenschaften, sondern um konkretes politisches Handeln, wie der Untertitel erklärt: „Economists4Future. Verantwortung übernehmen für eine bessere Welt.“

Derartige Diskurse sind in den Wirtschaftswissenschaften nicht neu, nur fristen sie bisher ein Schattendasein und werden von den etablierten Wirtschaftswissenschaften ignoriert, belächelt, kleingehalten oder gar ausgeschlossen. Die breite For-Future-Bewegung von Entrepreneurs bis zu den Omas gibt solchen Debatten endlich die dringend notwendige öffentliche Aufmerksamkeit und wirkt – wie schon in der Politik zu spüren - von außen auf die inneren Mechanismen des traditionellen Systems. Um diesen Druck zu erhöhen, ermuntern und regen die Economist for Future mit dem Buch zur Teilnahme an Diskurs, Prozess und Gestaltung an.

Dabei orientieren sie sich an fünf Leitlinien (1.) der Reflexion der praktischen Wirkungsmacht, (2.) der Transparenz der Annahmen, (3.) der Einbeziehung unterschiedliche Perspektiven in der Diversität sowie (4.) der Partizipation und (5.) der Ermöglichung und Befähigung zu einer besseren Gesellschaft. Diesen Dimensionen widmen sich vielen einzelnen Buchbeiträge in unterschiedlicher Art und Weise, was die Lektüre leicht macht und die mögliche Vielfalt der Wirtschaftswissenschaften sehr eindrücklich widerspiegelt. Wer sich davon nicht inspirieren lässt, hat das Prinzip Neugier einer lebendigen Forschung und Lehre nicht verstanden.

Doch nicht nur Studierende, Forschende und Lehrende an Schulen wie Hochschulen finden in dem Sammelwerk reichlich Stoff zum Nachdenken, Diskutieren und Weiterforschen, auch Bildungspolitiker*innen sowie allen Interessierten an pluralen Diskursen der Wirtschaftswissenschaften sei das Buch auf den Schreibtisch gelegt. Hier werden wichtige Fragen gestellt, vor denen wir bei der notwendigen Transformation unserer Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahren stehen werden, und es werden auch schon mögliche Antworten skizziert.

Die wichtigste Erkenntnis, die sich aus diesem sehr lesenswerten Buch ziehen lässt, ist jedoch, wie sehr Hochschulen als Teil und Triebkraft demokratischer Gesellschaften wirken können und wie wichtig eine Demokratisierung von Wissen(schaft) geworden ist. Wissen ist Macht und Nichtwissen ist nicht länger entschuldbar.

Forschung und Wissensvermittlung ist eine Gemeinschaftsleistung, die wir nicht privilegierten Eliten überlassen dürfen, sondern als demokratische Vielfalt erbringen müssen. Deswegen ist das Buch zu Recht nicht nur eine Einmischung in eine drängende Debatte, sondern vor allem eine Einladung an all diejenigen Menschen, die einen Unterschied machen möchten: „Gemeinsam ist eine bessere Welt möglich. Lasst uns der alten Normalität den Rücken kehren.“ Die Zeit für den Wandel ist da. Auch und gerade für die Wirtschaftswissenschaften. Economists4Future gibt dazu einen wichtigen Anschub. Überfällig. Endlich.

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