Gastbeitrag

Kein „Weiter so“ in der Forstwirtschaft

Wer dem hiesigen Wald helfen will, muss weniger räumen, weniger pflanzen, weniger pflegen und weniger fällen.

Am Mittwoch soll bei einem Nationalen Waldgipfel der Weg für Hunderte von Millionen Euro freigemacht werden, die Bund und Landesregierungen als Reaktion auf die Baumschäden investieren wollen. Dabei richten sie ihre Aufmerksamkeit nur auf das eine Prozent der Waldfläche mit abgestorbenen Bäumen. 99 Prozent der Waldfläche bleiben hingegen unberücksichtigt.

Geplant ist nur Aufräumen und Aufforsten. Keine Vorsorge, kein Schutz. Die bisherige Forstwirtschaft wird kaum hinterfragt. Dabei sterben vor allem die standortfremden Fichten-Monokulturen. Die Probleme des Waldes werden dem Klimawandel angelastet, dem mit neuen Baumarten begegnet werden müsse, die aber wieder standortfremd sind. Aufforsten soll es lösen, während auf der größeren Restfläche Fehler fortgesetzt werden.

Überraschend ist nicht das Sterben der Fichten. Hier musste auch vor den Dürrejahren schon über die Hälfte als Sturm- oder Käferholz notgeschlagen werden. Besorgniserregender ist das Schwächeln der Laubbäume, die eigentlich typisch bei uns sind. Aber hier werden keine Maßnahmen ergriffen. Hohe Hiebsätze zwingen die Förster seit Jahren zu viel zu starken Holzeinschlägen. Die verbleibenden alten Buchen werden schutzlos Sonne, Wind und Trockenheit ausgesetzt und sterben weiter.

Mit geringeren Einschlägen könnte die Ernte zeitlich gestreckt werden und die Kronendächer geschlossener bleiben. So könnte Vorsorge betrieben werden. Mit nur einem einzigen Erlass der Landesregierungen könnten viele alte Laubwaldbestände stabilisiert werden. Das würde nur geringfügig weniger jährlichen Holzertrag bedeuten – verschoben in die Holz-Sparkasse der Zukunft.

Zur Vorsorge gehört auch der Schutz von Wildnisgebieten. In diesen Wäldern sollte weder gepflanzt, noch gepflegt, noch Holz eingeschlagen werden, damit die natürliche Anpassung sichtbar wird. Denn die Vegetationszonen werden sich verschieben. Solche Naturwälder würden künftig strategische Entscheidungen für die bewirtschafteten Wälder erleichtern.

Die Bundesregierung sollte es zur Bedingung für die Millionen-Förderung machen, dass die Länder das Ziel der Nationalen Biodiversitätsstrategie einhalten, auf fünf Prozent unserer Waldfläche eine Entwicklung natürlicher Wälder zuzulassen. Bisher gibt es das nur auf 2,8 Prozent. Wir empören uns über die Zerstörung der tropischen Regenwälder in Brasilien, sind aber nicht bereit, Wildnisentwicklung wirklich zuzulassen.

Der Schutz der Wälder scheint den Regierungen nicht viel wert zu sein, der Schutz der Waldbesitzer schon: Öffentliche Mittel werden an private Waldbesitzer verteilt, ohne konkrete Bedingungen zu nennen. Es droht eine Subvention ohne Lenkungswirkung, wie schon bei der Agrarförderung.

Aufforstungen sind nicht nur sehr teuer, sondern auch hochriskant: Ein großer Teil der Setzlinge vertrocknet im nächsten heißen Sommer. Billiger und stabiler wäre es, die natürliche Verjüngung aufkommen zu lassen. Dann hätte man einen an das aktuelle Klima angepassten Wald. Dieses Abwarten, das Nicht-Aufforsten sollte daher den Waldbesitzern honoriert werden.

Auch das hektische Abräumen der Flächen schafft die Probleme von Morgen: Statt einen Teil der toten Fichten auf der Fläche zu belassen, wird alles herausgeholt, obwohl die Ernte oft mehr kostet, als der Verkauf erbringt. Auf den saubergeputzen Flächen fehlt das verwitternde Holz für Humusbildung, als Feuchtigkeitsspeicher, als Keimbett junger Bäume und natürlicher Schutz-Verhau gegen Wildverbiss.

Waldbesitzer sollten nur dann belohnt werden, wenn sie einen Teil des Holzes auf der Fläche lassen. Belohnt werden sollte auch derjenige, der den Bodenschutz beachtet. Das Kapital der Wälder liegt im Boden, mit seinen Wasservorräten, Pilzen und Mikroorganismen. Warum macht man nicht zur Bedingung für öffentliche Förderung, dass ein Privatbetrieb seinen Wald nach dem FSC-Standard bewirtschaftet?

Aufforstungen werden von der Forstwirtschaft als „Klimaretter“ dargestellt. Waldbesitzer sollen gar für diese Leistung honoriert werden. Freigesetzt wird das CO2 scheinbar nie, obwohl gerade Millionen von Festmetern abgestorbenen Holzes aus dem Wald geräumt werden, von denen ein Teil verbrannt wird: In Deutschland gehen über 50 Prozent des Holzes in Flammen auf. Künftig heranwachsende Wälder fangen in den nächsten Jahrzehnten nur das jetzt freigesetzte CO2 wieder ein -ein bescheidener zusätzlicher Beitrag in der CO2-Bilanz.

Wenn wir nicht Wälder stabilisieren und schützen, werden wir eines Tages mit dem Reparieren nicht mehr hinterherkommen. Weniger wäre mehr: Weniger räumen, weniger pflanzen, weniger pflegen, weniger fällen.

Mark Harthun ist Biologe und Fachbereichsleiter Naturschutz beim Naturschutzbund (Nabu) Hessen.

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