_2020-08-22T125534Z_1289612
+
Angehörige gedenken der Opfer auf dem Friedensplatz in Hanau.

Kommentar

Demo-Absage in Hanau: Kein Respekt vor den traumatisierten Familien

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
    schließen

Es ist eine Schande, dass die Familien nicht ihre Forderungen nach Aufklärung und Konsequenzen des rassistischen Attentats auf die Straße bringen konnten, während Corona-Leugner ohne Abstand und Maske demonstrieren dürfen. Der Kommentar.

Wie kommt die Absage der Demonstration bei den traumatisierten Familien des rassistisch motivierten Anschlags an? Betroffene, die sich seit Monaten darüber beklagen, dass sie zu wenig Hilfe, zu wenig Solidarität und Aufklärung erhalten und über mehrere Wochen ein Hygienekonzept mit der Stadt aushandelten? Ein Cousin von Gökhan Gültekin, eines der neun Opfer, sagte, es sei respektlos. Es mag ja sein, dass die Stadt Hanau schon sehr früh sehr restriktiv war, was Corona angeht. Und ja, die Zahlen sind in den letzten Tagen enorm gestiegen, aber rechtfertigt das die Absage der Demonstration am Freitagabend, weniger als 24 Stunden vor der Demo, ohne die Chance für die Veranstalter noch Rechtsmittel einzulegen? Nein, tut es nicht. Wenn die Stadt Sorge über einen weiteren Anstieg der Corona-Zahlen hatte, dann hätte sie die Demo schon vor einigen Tagen absagen können.

Dieser Tag wird hängen bleiben, in den Köpfen der Familien und Freunden der neun Opfer, in den Köpfen all jener, die sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus einsetzen, die für eine offene Gesellschaft sind und bei all jenen, die aus allen Teilen des Landes nach Hanau fahren wollten.

Es wurde dennoch ein starkes Zeichen der Solidarität gesetzt, indem die Kundgebung per Livestream in über 50 Städte ausgestrahlt wurde. Dennoch: Es bleibt ein sehr bitterer Beigeschmack, dass die Angehörigen ihre Forderungen nicht mit Tausenden lautstark auf die Straße bringen konnten, dafür aber am selben Tag Corona-Leugner in Darmstadt aufmarschieren durften. Dass Anfang August 17 000 Corona-Leugner ohne Abstand, ohne Maske gemeinsam mit Nazis in Berlin demonstrierten. All das ein Jahr nach dem Mord an Walter Lübcke, nach Wächtersbach, nach Halle, nach „NSU 2.0“, nach Hanau, nach den jüngsten Vorfällen von rassistischer Polizeigewalt und am 27. Jahrestag der rassistischen Angriffe auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare