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Anhänger der AfD marschieren.

Juden in der AfD

Kein Koscher-Zertifikat für die AfD

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Die sogenannte Alternative für Deutschland will sich eine jüdische Untergruppe zulegen, ein Feigenblatt, um ihren rassistischen Geruch zu übertünchen. Die Kolumne.

Eigentlich kann es mir egal sein. Soll doch jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Manche Verrücktheiten wertet man durch zu viel Aufhebens nur unnötig auf. Ich verkneife mir ja auch spitze Bemerkungen über den unter jungen Männern grassierenden Trend zu altväterlichen Vollbärten, die ihnen so einen finsteren, angeblich maskulinen Look verpassen, aber den wenigsten zu Gesicht stehen. Dass er damit wie ein Kinderschreck aussieht, empfiehlt sich vor allem nicht zu sagen, wenn dieser Jemand zur eigenen Patchwork-Family gehört. Elterliche Vorwürfe, wir liefen im Gammel-Look rum, haben uns in unserer Jugend auch kalt gelassen. Irgendwann wird der Bart schon fallen. Überdies ist Mode Geschmackssache.

Im Unterschied zu politischen Extravaganzen, die sich nicht einfach ignorieren lassen. Womit wir wieder mal bei der AfD angelangt sind. Die will sich nun auch eine jüdische Untergruppe zulegen, ein koscheres Feigenblatt, um ihren völkisch-rassistischen Geruch zu übertünchen.

Gegründet werden soll die Vereinigung am Sonntag in Wiesbaden. Es werden wohl nicht mehr als zwanzig Juden mitmachen. Seitens der jüdischen Gemeinden in Deutschland wie auch des World Jewish Congress haben sich viele kritische Stimmen zu Wort gemeldet, die mit dieser obskuren Truppe nichts zu tun haben wollen. Unter dem Hashtag „AfNee – Diese Alternative ist nicht koscher“ wird bereits zur großen Gegendemo aufgerufen.

Prominenz aus dem AfD-Parteivorstand

Aber auch Prominenz aus dem AfD-Parteivorstand hat sich angekündigt. Der dürften ein paar Vorzeigejuden hoch willkommen sein und der Medienrummel sowieso. Besser also, man hängt das Aufregerthema runter?

Nein, weil es nicht nur um eine innerjüdische Debatte geht. Weil es wichtig ist, das abgekartete AfD-Spiel zu durchschauen, sich möglichst salonfähig zu machen, um weiter in die bürgerliche Mitte vorzudringen. Weil die gleiche Strategie ihre rechtsgerichteten Gesinnungsfreunde in Europa fahren, die sich als Vorkämpfer gegen islamischen Antisemitismus gerieren, aber umso ungehemmter gegen Flüchtlinge und Migranten hetzen.

Ihre Judenfreundlichkeit sei ein Fake, hat Rebecca Lorei es im FAZ-Interview auf den Punkt gebracht, solange AfD-Funktionäre die NS-Vergangenheit als „Vogelschiss“ abtun und den Holocaust relativieren. Sind dann Juden, die der AfD auf den Leim gehen, nichts weiter als nützliche Idioten?

AfD umgarnt ihre jüdische Gruppe

Ja und nein. Leute wie Dimitri Schulz, ein Russlanddeutscher mit jüdischen Wurzeln und Organisator der ursprünglichen Gründungsversammlung in Offenbach, mischen wohl aus Überzeugung mit. So wie andere Mitläufer, die sich nicht zuletzt von der autoritären, nationalistischen Ausrichtung der AfD angezogen fühlen. Die Donald Trump genauso bewundern wie Viktor Orban und Wladimir Putin. Nicht zu vergessen den israelischen Premier Benjamin Netanjahu, der mit allen Dreien gut kann.

Das offizielle Israel hält zwar noch Distanz zu den „deutschen Alternativen“. So pro-israelisch die sich geben mögen. Doch zur Wahrheit gehört, dass es beunruhigend große Schnittmengen gibt zwischen einigen Mitgliedern rechter Regierungsfraktionen in der Knesset und der größten Oppositionsfraktion im Bundestag.

Auch um solche Allianzen zu schmieden, umgarnt die AfD ihre jüdische Gruppe. Nur gut, wenn die Gegenkräfte in Israel wie in der Diaspora sich Gehör verschaffen. Hier wie dort sind sie unersetzlich in der Verteidigung einer pluralistischen Demokratie.

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