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Rio de Janeiro. Das abgebrannte Nationalmuseum.

Kolumne

Kein böser Wille

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Das Feuer von Rio zerstörte Welterbe. Schleichend gehen Arten verloren. Pfusch und Gleichgültigkeit vernichten, was wir nicht kennen. So vermissen wir es auch nicht.

In Genua stürzt eine Brücke ein, in Rio de Janeiro brennt das Nationalmuseum ab. Zwei Katastrophen, verursacht durch Pfusch, Schlamperei und Gleichgültigkeit. So wurden denn beide Bauwerke schnell zu nationalen Symbolen für die marode Infrastruktur ihrer Länder. Die Brücke kann und muss wiederaufgebaut werden, hoffentlich schöner und sicherer als zuvor. Dagegen sind die Schätze des brasilianischen Museums unwiederbringlich verloren. Daran ändert auch kein Neubau etwas.

Mit den riesigen Sammlungen aus Natur-, Kunst- und Kulturgeschichte verbrannten einmalige Dokumente der Geschichte eines ganzen Kontinentes und der Menschheit. Man spricht von 20 Millionen zerstörten Exponaten, die zum Teil noch nicht einmal katalogisiert waren. Wir können also gar nicht wirklich erfassen, was da verloren ging. Der Schaden ist unermesslich.

Sehr genau dokumentiert sind dagegen die Verluste, als 2004 die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar abbrannte, und ebenso beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor neun Jahren. Unersetzliches ging verloren, einiges wird zu restaurieren sein und manches konnte sogar gerettet werden, jedenfalls bleiben große Lücken. In Weimar war die Ursache wohl ein banaler Kurzschluss, in Köln ermittelt die Staatsanwaltschaft dagegen wegen Pfusch und Schlamperei.

Den schwersten kulturellen Verlust Jahrtausende vorher dürfte das Verschwinden der Bibliothek von Alexandria bilden. Ihre Zigtausende von Schriftrollen aus allen Wissensgebieten fielen eher nicht, wie lange vermutet, einem spektakulären Brand zum Opfer. Es könnte sein, dass sie zwar durch kriegerische Einwirkungen immer wieder einmal geschädigt wurden, aber letztendlich einfach mangels Interesse nach und nach langsam zerfielen. Egal warum, was weg ist bleibt für immer verloren.

Das ist ganz ähnlich bei den Tier- und Pflanzenarten der Erde. Was weg ist, ist weg. Ausrottung ist endgültig. Das Besondere ist, und das erinnert ein bisschen an die Schriften aus Alexandria, dass kein Fanal, kein dramatisches Ereignis das plötzliche Aus einer Art bewirken muss. Das Ende kommt schleichend, geschieht meist sogar unbemerkt. Plötzlich ist etwas nicht mehr da, das keiner vermisst, weil es keiner kannte.

Das macht den Schaden nicht geringer, aber es gibt keinen Aufschrei. Nicht so schlimm, wenn eine Art unbemerkt verschwindet? Wir haben doch noch so viele Arten! Da könnte man erwidern, mit den Bibliotheken seien doch auch nur Aneinanderreihungen von Schriftzeichen verloren gegangen.

Solche Zeichen haben wir reichlich, aber sie allein machen keinen Text und bilden schon gar kein Dokument. Erst ihre Komposition macht den Inhalt. Ein Mikrofilm oder eine Kopie, ein Zitat kann zudem nie das Original ersetzen. Ähnliche Sicherungen gibt es in der Natur sowieso nicht, sondern nur Originale.

Weimar, Köln, Genua, Rio de Janeiro, die Welt ist entsetzt über diese Katastrophen und solidarische Hilfe von überall her bringt Unterstützung für den Wiederaufbau. Aber was verloren ging, ohne erfasst worden zu sein, fehlt keinem und ist vergessen, weil es keine Kenntnis davon gibt.

Da geht es den zahlreichen Exponaten in Rio wie vielen Tausend ausgerotteten Tier- und Pflanzenarten, die für immer verloren sind, bevor wir von ihrer Existenz wussten. Die wenigsten rottete böser Wille aus. Es war einfach nur Desinteresse, Pfusch, Schlamperei.

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