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An Spendenzäunen werden für obdachlose und bedürftige Menschen Spenden wie Lebensmittel, Hundefutter, Hygieneartikel gehängt.
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An Spendenzäunen werden für obdachlose und bedürftige Menschen Spenden wie Lebensmittel, Hundefutter, Hygieneartikel gehängt.

Gastbeitrag

Wir brauchen ein Jahr der Solidarität

  • vonKatrin Göring-Eckardt
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Wir müssen die richtigen Lehren aus der Krise ziehen: Wir sollten 2021 zum Jahr der Solidarität machen, fordert die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt. Ein Gastbeitrag von Katrin Göring-Eckardt.

Was für ein zurückliegendes Jahr: Im März, die erste Welle. Als wir alle zum ersten Mal dieser großen unbekannten Gefahr gegenüberstanden. Es gab Auseinandersetzungen über die richtigen Maßnahmen. Aber die gemeinsame Antwort darauf war trotz allem gelebte Solidarität. Eine Gesellschaft, die beschloss, Abstand zu halten und später auch Masken zu tragen, die zum Zeichen der Solidarität wurden. Weil sie nicht nur uns selbst, sondern vor allem andere schützen. Dann der Sommer, in dem sich viele in der Vorstellung einer Zeit ohne Virus verfingen. Und nun die zweite, vielleicht gar dritte Welle. Die uns härter und erschöpfter trifft. Und gleichzeitig mitanzusehen, wie Bund und Länder erst viel stritten und dann offensichtlich wurde, wie wenig vorbereitet war und wie viele Probleme uns nun ein zweites Mal begegnen.

Das alles zehrt an den Kräften. Aber in den Erfahrungen der letzten Wochen und Monate steckt auch die Erkenntnis, wie wichtig Rücksicht und ein respektvoller Umgang miteinander sind. Und nie haben wir so viel und intensiv über Einsamkeit gesprochen. Über die einsamen Kinder im Homeschooling; die einsame Mutter ohne Freund:innen; die einsame Künstlerin, deren Lebensunterhalt wegfiel, aber eben auch der Resonanzraum; die Großmutter, die ihre einsame Traurigkeit in Vernunftworte packte. Die Rückbesinnung auf die Fürsorge füreinander und die Kostbarkeit von Nähe und Kontakt sind immens wichtige Erfahrungen in diesem Jahr – Erfahrungen, die für den weiteren Verlauf der Krise und die Zeit danach Eingang ins Politische finden müssen.

Ich wünsche mir, dass dieses Jahr zum Wendepunkt für eine solidarischere Politik wird. Es wäre falsch zu glauben, Solidarität wäre eine Privatangelegenheit. Solidarität kann nicht politisch erzwungen werden, aber sie kann politisch unterstützt werden – indem Existenzsorgen genommen und Bürgerinnen und Bürgern der Rücken freigehalten wird. Damit nicht jede und jeder auf sich selbst zurückgeworfen ist, sondern mehr Raum für solidarisches Handeln entsteht.

Je länger die Pandemie andauert, umso größer wird die Zahl der Menschen, für die das auch weniger Geld in der Tasche bedeutet. Wer wenig verdient, ist doppelt so häufig betroffen. Das sind Menschen, die auf Hartz IV angewiesen sind, Haushalte mit Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund. Die Regierung hat im vergangenen Jahr zwar immens viele Hilfsgelder bereitgestellt. Sie kamen aber bei vielen, etwa Selbständigen in Kunst, Kultur oder der Veranstaltungsbranche, nicht an oder waren gar nicht für sie vorgesehen. Es waren oft die, die es immer allein schaffen wollten, die nun allein gelassen wurden.

In anderen Bereichen geht es nicht ums Geld, es geht um Möglichkeiten. Deshalb ist es so wichtig, wie mit Schulen und Kitas umgegangen wird. Zu wenig wurde getan, die Voraussetzungen zu schaffen, dass die Bildungsgerechtigkeit in Corona-Zeiten nicht unter die Räder kommt.

Ich habe die Hoffnung, dass die erlebte Solidarität auch über die akute Krise hinaus Früchte trägt, überall da, wo Zusammenhalt nötig ist. Schwache nicht zurücklassen und Sorgen um die Gesundheit und Zukunft unserer Kinder gemeinsam tragen. Unsere sozialen Sicherungssysteme erneuern. Darum muss es jetzt gehen. Mit einer besseren Unterstützung für die Selbstständigen, einem Krisenaufschlag für alle, die auf Hartz IV angewiesen sind, und einem höheren Kurzarbeitergeld für die mit geringerem Einkommen. Das wären erste Schritte in die richtige Richtung.

Und die nächsten Schritte? Eine Kindergrundsicherung, die allen Kindern gleichermaßen einen guten Start ins Leben ermöglicht, und eine Garantiesicherung, die Menschen vor Armut schützt und stark macht, auch großen Veränderungen mutig zu begegnen.

Vertrauen und Sicherheit ist das, was ein moderner Sozialstaat vermitteln muss, damit die Bürger:innen Kraft haben, mit Krisen klarzukommen, damit die Menschen den Freiraum finden, Neues zu wagen. Wir stehen mitten in dem Jahrzehnt der wichtigsten Anpassungsschritte mit Blick auf die Klimakrise und die Digitalisierung. Ohne neue Ideen und viel Engagement wird das nicht gehen. Mit einer zerklüfteten Gesellschaft kann das nicht gelingen. Aber mit einer solidarischen. Solidarität ist die politische Ressource des kommenden Jahrzehnts.

Während meiner eigenen Covid-Erkrankung habe ich gespürt, wie wohl es tut, dass die Nachbarin mir einfach ein warmes Essen vor die Tür stellte, als ich die Wohnung nicht verlassen durfte. Wenn Familien gemeinsam planen, wie sie Angehörige über die Feiertage schützen können, zeigen sie: Wir sind da füreinander, wir geben aufeinander acht. Solidarität – das ist die gute Botschaft für uns alle – ist nicht nur eine Kraftanstrengung. Solidarität gibt uns auch etwas zurück. Das macht sie so mächtig.

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