+
Aktivistinnen von Maria 2.0.

Synodaler Weg

Die katholische Kirche muss endlich ihren Laden aufräumen

  • schließen

Die katholischen Bischöfe wollen Opfer sexuellen Missbrauchs entschädigen. Doch es gibt viele ungelöste Probleme. Das Zölibat ist eines davon. Der Leitartikel.

Gerade noch einmal die Kurve gekriegt: Die Erleichterung war den katholischen deutschen Bischöfen in Fulda anzumerken. Es ist ihnen gelungen, ihren zuletzt immer heftiger, unversöhnlicher und auch persönlich verletzend geführten Streit über die Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal so zu entschärfen, dass sie den geplanten „synodalen Weg“ mit den Laienvertretern vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken weitergehen können.

Das war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Aus dem engsten Umfeld des Kölner Kardinals Woelki ist das Wort überliefert: „Wir ziehen beim synodalen Weg an einem gemeinsamen Strang – aber an entgegengesetzten Enden.“ Woelki und eine kleine erzkonservative Minderheit in der Bischofskonferenz fürchten Diskussionen über konkrete Reformschritte: Lockerung des Pflichtzölibats, bessere Machtkontrolle, mehr Partizipation und – vor allem – die Öffnung der Weiheämter für Frauen.

Darin sehen sie einen Angriff auf Glaubenslehre und Kirchenverfassung. Woelki brachte das böse Wort von der Spaltung in Umlauf. Sein Münchner Kollege Reinhard Kardinal Marx und andere reformorientierte Bischöfe mussten das als ultimative Kampfansage verstehen. Kirchenspaltung – das riecht nach Luther, „Los von Rom“ und anderen vermeintlich antikatholischen Übeln.

Frustration für Frauen in der katholischen Kirche

Nicht zuletzt handelt es sich dabei auch um Ausweichmanöver. Die sehr konkreten Erfordernisse zur Beseitigung oder zumindest zur Minimierung der systemischen Ursachen von (sexuellem) Missbrauch in der katholischen Kirche sollen mit Hilfe einer spiritualisierenden Sprache weggeredet, in eine scheinbar fromme Ursuppe hineinverdünnt werden.

Zum Glück stehen die Opfer des sexuellen Missbrauchs vehement und lautstark dagegen. Dass sie den Bischöfen ein Maßnahmentableau mit hohen Entschädigungszahlungen abgerungen haben, ist ein wichtiger Erfolg. Jetzt erst kommen Summen ins Spiel, die selbst der reichen deutschen Kirche wehtun könnten. Und womöglich ist dieser Schmerz am Ende der wirkungsvollste Impuls für echte, strukturelle Veränderungen.

Eines freilich muss man Woelki lassen. Seine Tieffliegerangriffe auf den synodalen Weg, im Geschwaderverbund mit dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, treffen einen neuralgischen Punkt: Das ins Themensetting hineinverhandelte Forum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ trägt die Gefahr von Illusion und Frustration in sich. Was erwarten zum Beispiel die (noch vorhandenen) engagierten Katholikinnen der Aktion „Maria 2.0“ vom synodalen Weg? Dass ein deutscher Bischof morgen einer Frau die Hände auflegt und sie zur Diakonin oder gar zur Priesterin weiht? Das wird sicher nicht passieren.

Blindheit für die Wirklichkeit der Kirche

Es ist ein Dilemma. Wer theologisch auch nur einigermaßen auf der Höhe ist, erkennt die Fadenscheinigkeit und Hilflosigkeit der Argumente gegen die Frauenweihe. Es ist eine Rückwärtsverteidigung, die der Kirche schadet und offenkundig auf den Erhalt männlicher Machtstrukturen setzt.

Umso bizarrer ist es dann, wenn die Gegner des synodalen Wegs beharrlich vor einer angeblich falschen Fokussierung auf Strukturfragen warnen. Unheilige und unheilvolle Strukturdebatten versus geisterfüllte und geistreiche Evangelisierung – diese rhetorische Entgegensetzung gehört zu den fatalen Suggestionen derer, denen es in Wahrheit selbst um Strukturen geht, genauer um ihre patriarchalisch-klerikale Machtbasis.

Der Wille zur Evangelisierung kann doch im Grunde auf nichts anderes abheben als auf die Fragen: Was dient der Verkündigung der Frohen Botschaft heute? Und: Worin besteht dann eigentlich das Katholische? Darauf notorisch mit dem MZH-Dreiklang zu antworten – Männerklerus, Zölibat, Heterosexualität –, zeugt von Blindheit für die Wirklichkeit der Kirche.

Die ist längst dabei, den Kontakt zu den Menschen heute zu verlieren. Es geht deshalb jetzt um eine Art Innenrevision, wie es der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck formuliert. Den eigenen Laden aufzuräumen bringt noch keine neue Kunden, kann aber die drohende Pleite verhindern. Scheitert der synodale Weg, wird auch den Treuesten der Treuen die Lust an dieser Kirche vergehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare