+
Der Vatikan unterstützt nach wie vor die Brennstoffindustrie.

Klimawandel

Die katholische Kirche und der Klimaschutz

Immer mehr Institutionen boykottieren die Brennstoffindustrie. Sie hat über Jahrzehnte versucht, die Wahrheit über den Klimawandel zu verschleiern. Der Vatikan boykottiert noch nicht. Der Gastbeitrag.

Von William Ernest McKibben

In einer Welt, in der zu viele Institutionen Macht und Reichtum anbeten, ist die Kirche immer noch eine Festung des Wortes – ein Ort, an dem Ideen von Bedeutung sind. Selten hat jemand Worte kraftvoller eingesetzt als Papst Franziskus in seiner großartigen Enzyklika „Laudato Si“ („Gelobt seist Du“). Ich verbrachte mehrere Wochen mit diesem Werk, denn ich schrieb darüber eine ausführliche Rezension für die New York Review of Books, die bedeutendste Literaturzeitschrift der USA; mein Gefühl sagt mir allerdings, dass ich mein Leben lang darauf zurückgreifen werde.

Die ewige Frage ist, wie werden Worte Wirklichkeit. Eine Konferenz des Vatikan zum Thema „Laudato Si und die Investitionen der katholischen Kirche“ bietet in diesem Zusammenhang eine außergewöhnliche Gelegenheit. Denn wenn wir es ernst meinen, die Kohlenstoffemissionen in „den kommenden Jahren drastisch zu reduzieren“, wie es sowohl der Papst als auch Wissenschaftler auf der ganzen Welt empfehlen, dann müssen wir damit beginnen, indem wir die Macht der Kohle-, Öl- und Gasindustrie massiv reduzieren.

Wir wissen, dass diese Industrie jahrzehntelang versucht hat, die Wahrheit über den Klimawandel zu verschleiern; eine bemerkenswerte investigative Berichterstattung in den USA konnte beispielsweise aufdecken, dass Exxon, der weltweit größte Mineralölkonzern, bereits in den späten 1970er Jahren von seinen Wissenschaftlern erfahren hatte, dass sich die Erde innerhalb kurzer Zeit gefährlich aufheizen würde. Doch anstatt dieses Wissen mit anderen zu teilen, hat das Unternehmen – zusammen mit anderen aus der Branche – die Warnungen einfach vertuscht.

Klimawandel als Fluchtursache

Dieses Verhalten setzt sich bis heute fort, denn auf der ganzen Welt finanziert die Kohle-, Öl- und Gasindustrie Politiker, die Klimaschutzmaßnahmen hinauszögern. Sie tut dies, weil ihre Gewinne davon abhängen, dass ihre Rohstoffe ausgegraben und verbrannt werden. Diese enthalten jedoch fünfmal mehr Kohlenstoff, als wir laut Meinung von Wissenschaftlern unbedenklich verbrennen können. Das fossile Geschäftsmodell garantiert uns eine Erde, auf der arme Menschen hungern, weil ihre Ernten verdorren, wo Flüchtlinge im Meer versinkende Inseln und Küstenstädte verlassen und wo die Natur, die zu verwalten uns aufgetragen worden war, zu schnell zu viele der Geschöpfe verliert, die Gott uns zur Seite gestellt hat.

Als Antwort darauf ist die kraftvollste Divestment-Bewegung der Geschichte herangewachsen und drängt auf Veränderungen. Es begann mit religiöser Richtungsweisung – Desmond Tutu, Nobelpreisträger und anglikanischer Erzbischof, empfahl uns dieses Werkzeug. Divestment trug vor einer Generation dazu bei, die Apartheid in Südafrika zu besiegen, im Kampf gegen die – wie er es nannte – große menschenrechtliche Herausforderung unserer Zeit. Der Aufruf Tutus zum Boykott der fossilen Brennstoffindustrie und zum Divestment wurde von religiösen und weltlichen Institutionen auf der ganzen Welt begrüßt – vom Pensionsfonds der kalifornischen Angestellten bis zum Weltkirchenrat.

Katholische Institutionen spielen schon jetzt eine entscheidende Rolle: die katholische University of Dayton war eine der ersten US-amerikanischen Universitäten, die sich zum Divestment aus fossilen Brennstoffen entschloss, andere wie etwa Georgetown taten es ihr gleich. Ihnen folgten Unerschütterliche wie Trocaire und die Franziskanerinnen Sisters of Mary, brasilianische Diözesen und die Missionary Society of St. Columban, Passionisten aus Neuguinea und Vietnam, katholische Anti-Hunger-Aktivisten aus Frankreich sowie gläubige Katholiken auf der ganzen Welt.

Doch jetzt ist der Moment für umfassendere und zentralere Aktionen gekommen, dem Beispiel Kardinal Turksons folgend, der im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von Laudato Si darauf hinwies, dass „eine gründliche Gewissensprüfung nicht nur unsere individuellen Mängel sondern auch die unserer Institutionen erkennt.“ Mit einfachen Worten: Diejenigen, die immer noch versuchen, Geld zu verdienen, indem sie den Planeten übermäßig aufheizen, taugen nicht dazu, diesen zu verwalten. Wir müssen – wie es katholische Kardinäle, Patriarchen und Bischöfe aus aller Welt in einer wichtigen Erklärung 2015 forderten – „dem Zeitalter der fossilen Brennstoffe ein Ende setzen.“ Dies sind ernst gemeinte Worte und sie sollten deutliche Konsequenzen für die Anlagepolitik des Vatikan und anderer katholischer Institutionen haben.

Viele haben überzeugend argumentiert, dass es starke wirtschaftliche Gründe für Divestment gibt, denn angesichts der Herausforderung durch den erneuerbaren Energiesektor gerät die Kohle-, Öl- und Gasindustrie ins Straucheln. Tatsächlich haben diejenigen, die ihr Vermögen aus fossilen Brennstoffen abgezogen haben, finanzielle Gewinne erzielt. Doch dies ist nicht der Grund für ihre Divestment-Entscheidung gewesen, zumindest was religiöse Institutionen betrifft. Wie es der Rektor der katholischen University of Dayton formulierte, als sie 2014 ihr 600 Millionen US-Dollar umfassendes Portfolio von Investitionen in Kohle, Öl und Gas befreiten: „Wir können die negativen Folgen des Klimawandels nicht einfach ignorieren, der die verwundbarsten Menschen unseres Planeten unverhältnismäßig stark trifft.“

2016 war das wärmste Jahr, das je gemessen wurde. Es hat den Rekord des Jahres 2015 gebrochen, welches den Rekord des Jahres 2014 gebrochen hatte. 2017 muss das Jahr werden, in dem wir Rekorde bei Aktionen, bei der Fürsorge aufstellen – und dabei, dass aus schönen Worten eine noch schönere Wirklichkeit wird.

William Ernest „Bill“ McKibben ist ein US-amerikanischer Umweltaktivist.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare