+
Donald Trump spaltet die USA wie kaum ein Präsident vor ihm.

Donald Trump

Karikatur eines Ugly American

  • schließen

Donald Trump ist nicht ?mein? Präsident. Vielmehr schäme ich mich für ihn, als Vertreter meines Heimatlandes. Aber was soll man tun? Gastbeitrag der Professorin Greta Olson.

Ob ich mich schäme, dass Trump seit gut vier Monaten ‚mein‘ Präsident ist? Definitiv. Ich wache morgens auf und höre im Radio, dass der US-Präsident gerade von seiner Auslandsreise zurückgekehrt ist und erinnere mich schmerzhaft daran, dass Donald Trump und nicht Barack Obama an der Macht ist und dieser Ugly American mein Heimatland repräsentiert.

Und es geht mir schlecht. Ich werde an Zeiten während meines inzwischen 30-jährigen Aufenthalts hierzulande erinnert, in denen es auch nicht schön war, US-Amerikanerin zu sein – etwa 2003 zur Zeit des US-Einmarschs im Irak. Damals lebte ich in Freiburg und wurde wiederholt von Protestierenden gebeten, mich an Unterschriftensammlungen gegen ‚die Amis‘ zu beteiligen.

Damals verkündete Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Deutschland gehöre zu einem ‚alten‘ und schwachen Europa, weil es unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer die unilaterale US-Außenpolitik kritisierte und sich weigerte, die Unwahrheit zu unterschreiben, Saddam Hussein habe an den Anschlägen vom 11. September 2001 mitgewirkt und Irak beherberge Massenvernichtungswaffen.

Wir US-Amerikanerinnen und -Amerikaner haben seit Monaten eine Wahl. Entweder sind wir zu News-Junkies mutiert, die jeden Tag mit Entsetzen die neuesten Peinlichkeiten und historischen Fehltritte unseres Präsidenten akribisch verfolgen oder wir ziehen uns in unser Gutmenschentum zurück.

Gerade die letzten Tage waren schlimm: Trump hat sich von der Nato distanziert und Deutschland beleidigt: „The Germans are bad, very bad“, sagte er in Brüssel. Er hat den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen angekündigt und teils falsche Informationen über die Attentate in Manchester retweetet.

Er ist nicht nur die Karikatur eines Ugly Americans, sondern Trump verkündigt eine Hobbessche Staatsphilosophie – alle Nationen sind gegen alle, nach dem Motto „America first“. Seine ist eine wenn auch verwirrte und unberechenbare, historisch jedoch nicht selten wiederholte Politik des Isolationismus und Protektionismus. So erklärten es sein Nationaler Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster und sein Wirtschaftsberater Gary Cohn vor wenigen Tagen im Wall Street Journal: Die Welt sei nun keine „global community“, sondern ein Areal, wo Nationen, NGOs und Firmen ihre jeweiligen Vorteile ausfechteten.

Nach vier Monaten von Trumps Amtszeit sind wir politisierter und polarisierter als in meinem Gedächtnis je zuvor. Man fragt sich, ob der Rassist, der in der Straßenbahn in Portland, Oregon, zwei junge muslimische Frauen beschimpfte und zwei ihrer Verteidiger er-stach, nicht von der Hassrhetorik Trumps in seinen Handlungen beflügelt wurde.

Der Frauenmarsch am 22. Januar war die größte Protestaktion in der US-Geschichte. The Science March stellte ein Gegenargument zu den „alternativen Fakten“ und Trumps Fake-News-Narrativen da. Ständig wird diskutiert, ob die richtigen Strategien und die richtigen Messages eingesetzt werden, um 2018 und 2020 wieder an die Macht zu kommen.

Doch gibt es auch Verzweiflung: die Sorge, dass die Welt vergisst, dass die Mehrheit Trump nicht gewählt hat, die Angst, dass Trumps Politik und die Sprachrohre, die ihn lautstark noch unterstützen, zu einer permanenten Haltung des Misstrauens gegenüber der Regierung, zu Mainstream-Nachrichten und anderen leitenden Institutionen führen.

Mein Schwager zitiert eine Radiosendung, in der der Moderator einen Trump-Unterstützer gefragt habe, ob er keine Angst habe, dass Beweise und Fakten so wenig im gegenwärtigen politischen Diskurs gelten würden. Dieser antwortete: „Bildung ist Indoktrination. Die Menschen werden von sogenannten Fakten in die Irre geführt. Du kannst gebildeten Menschen nicht trauen.“ Wir US-Amerikanerinnen und –Amerikaner leben tatsächlich in zwei zunehmend voneinander getrennten und feindlich aufeinander schauenden Fronten. Es gibt unsere Nachrichten und Fakten und ‚ihre‘ Propaganda. Das gilt für beide Seiten.

Die Hoffnung, Trump könnte schnell einem Amtsenthebungsverfahren entgegensehen, scheint mir schlichtweg naiv zu sein. Zwar ist das US-Justizsystem bisher in seinem Bestreben erfolgreich gewesen, Trumps Muslim Ban abzuwehren. Doch ein Impeachmentverfahren ist mit einer republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus unwahrscheinlich.

Die Darstellung von Trump als Apotheose des Bösen, sei es auf amerikanischer oder auf deutscher Seite, scheint mir auch zu vereinfachend zu sein, wie auch die immer geläufigere Gegenüberstellung von einem vermeintlich rationalen Europa und den angeblich a-rationalen Vereinigten Staaten. Trump ist ein Ugly American, aber kein Dämon. Ein hoffentlich gestärktes Europa und die USA werden ihn überleben.

Greta Olson ist Professorin für englische und amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare