1. Startseite
  2. Meinung

Der Kapitalismus muss sozial werden

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nils Heisterhagen

Kommentare

Die Gewerkschaften erkämpfen oft bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiter.
Die Gewerkschaften erkämpfen oft bessere Arbeitsbedingungen für die Arbeiter. © Bernd Wüstneck (dpa-Zentralbild)

"Wohlstand für alle", faire Aufstiegschancen und gute Arbeitsbedingungen, das ist das Ideal, das erstrebenswert ist. Soziale Marktwirtschaft ist ein Versprechen, das auch erfüllt werden sollte. Der Gastbeitrag.

Angst soll Menschen dazu bringen schneller, besser, härter und kreativer zu arbeiten. Angst würde so den Wettbewerb intensivieren und alles, was den Wettbewerb intensiviere, sei gut für den Kapitalismus. Der Turbokapitalismus sei nun mal auf Angst gebaut und nur so könne er gut funktionieren. Nur so ginge es voran, nur so würden Menschen alles geben. Kurzum: Angst und Druck förderten Erfolg. Sie seien notwendig, damit Unternehmen wachsen und Menschen Innovationen schaffen könnten.

Wettbewerb sei immer radikal und zerstörerisch. Und nur wer anerkenne, dass Kapitalismus auf Angst und Druck gebaut sei, der könne letztlich auch auf dem Markt die Härte entwickeln, die nötig sei, um sich in ihm zu behaupten und Erfolg zu haben. Der Markt sei nun mal schonungslos. Ausruhen sei immer gefährlich. Die anderen schlafen nicht.

Dieser Glaube an den Wettbewerbskampf ist heute stark ausgeprägt. Das Angst-Narrativ des Turbokapitalismus herrscht in vielen Köpfen und vielen Unternehmenskulturen vor. Verleugnen kann man die Realität eines harten Wettbewerbskampfes nicht. Vor allem die Globalisierung hat dazu geführt, dass nun irgendwie jeder mit jedem im Wettbewerb steht. Der globale Kapitalismus ist relativ erbarmungslos. Aber die Frage darf doch erlaubt sein: Warum soll der Kapitalismus so erbarmungslos sein? Das ist doch kein Naturgesetz, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Warum soll uns der Kapitalismus immer mehr ängstigen, immer mehr unter Druck setzen? Dazu gibt es doch keinen Automatismus. Es ist nicht selbstverständlich, dass der Kapitalismus auf Angst und Druck gebaut ist. Es könnte auch anders sein.

Nun könnte man schnell einwenden: Nein, der Kapitalismus ist nicht steuerbar. Der Kapitalismus wird auch nie ein Arbeitnehmerparadies. Die Härte und Erbarmungslosigkeit könne man dem Kapitalismus einfach nicht nehmen – selbst wenn man es wollte, ginge das nicht oder zumindest nur wenig. So sei nun mal eben das System. Es hat seine eigene Logik und diese könne man nicht ändern. Einziger Ausweg Sozialismus also? Gleich ein ganz anderes System? Bruch mit der Logik? Und Ersetzung durch eine neue Logik?

Diese Schwarz-Weiß-Malerei läuft fehl. Der Kapitalismus ist eben doch steuerbar. Gewerkschaften beweisen es – zum Teil. Sie handeln bessere Arbeitsbedingungen aus. Sie kämpfen für Jobsicherheit, bessere Arbeitszeiten und bessere Entgelte. Und viele gewerkschaftlich organisierte Betriebe zeigen: Nicht trotz, sondern wegen besserer Arbeitsbedingungen, weniger Angst und Druck arbeiten die Beschäftigten dort oft produktiver und kreativer. Verlässlichkeit und Sicherheit schaffen die Grundlage, auf der sie erst richtig produktiv und kreativ sein können.

Die Angst, die gefährlich wird, wenn sie sich zu einer Angststörung auswächst, lähmt sie dann nicht mehr. Die Sicherheit befreit sie. Das ist ein Erfolgsgrund der deutschen Industrie. Den globalen Wettbewerb hält die deutsche Industrie nicht trotz, sondern wegen der guten Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten aus. Die Logik des Kapitalismus ist so doch veränderbar. Es braucht keine Erbarmungslosigkeit gegenüber den eigenen Beschäftigten, um auf dem Markt erfolgreich zu sein. Der Kapitalismus ist also steuerbar.

Und diese Chance zur Steuerbarkeit geht weiter. Die Politik kann Mindestanforderungen für die Arbeitsbedingungen schaffen. Sie kann Sanktionen aussprechen, wenn Arbeitgeber dagegen verstoßen. Eine Sozialreform des Kapitalismus ist also möglich. Und sie ist nötig.

In den 1970er Jahren gab es einen Namen für diesen Fokus auf die Veränderbarkeit kapitalistischer Arbeitsweise. Der damalige Bundesforschungsminister Hans Matthöfer hatte 1974 ein Aktions- und Forschungsprogramm zur „Humanisierung des Arbeitslebens“ ins Leben gerufen. Diese Idee der Humanisierung könnte auch heute noch als Vorbild und als Leitbild für eine Reform des Kapitalismus dienen, an der sich die Politik – national wie international – orientiert. An der sich aber auch Unternehmen eigenverantwortlich initiativ orientieren und gewissermaßen als Selbstverpflichtung versuchen, dieses Leitbild realer zu machen – New Social Governance könnte man das nennen, was Unternehmen intern etablieren sollten.

Der Kapitalismus ist ein System der Veränderung. Warum soll er also nicht auch in sozialer Hinsicht veränderbar sein? Soziale Marktwirtschaft nennt man das auch in Deutschland, was eigentlich das Ziel dieser Sozialreform des Kapitalismus sein soll. Weit entfernt sind wir in Deutschland – und in der Welt – von diesem Ideal.

Soziale Marktwirtschaft ist aber ein Versprechen, welches auch erfüllt werden sollte. Soziale Marktwirtschaft ist dabei durch drei wesentliche Merkmale geprägt: Erstens soll es eine gute Qualität der Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer geben – Humanisierung des Arbeitslebens ist eben hierfür der Leitbegriff. Zweitens soll es aber auch zu einer fairen Beteiligung am Unternehmensgewinn für alle Beschäftigten des Unternehmens kommen.

Und drittens: Sozialer Ausgleich über die Steuerpolitik und die Verbesserung der Lebenschancen jedes einzelnen Bürgers sollen Leitidee der Politik sein. Oder anders gesagt: „Wohlstand für alle“, faire Aufstiegschancen und gute Arbeitsbedingungen, das ist das Ideal, das wieder das Ideal sein sollte. In diesem Sinne sollte es heute um eine Reform des Kapitalismus zu einer ernst gemeinten sozialen Marktwirtschaft gehen. Make the market social again!

Nils Heisterhagen ist Grundsatzreferent der SPD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz.

Auch interessant

Kommentare