Folgen der Corona-Pandemie: Viele Unternehmen stehen vor finanziellen Engpässen.
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Folgen der Corona-Pandemie: Viele Unternehmen stehen vor finanziellen Engpässen.

Kapital für alle!

Wie eine alte Idee Firmen in der Corona-Krise helfen könnte

  • Wolfgang Kessler
    vonWolfgang Kessler
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Wenn man Bürger an Firmen beteiligt, könnten sie ihr Geld anlegen und Firmen vor der Pleite bewahren. Zudem wäre das Produktivvermögen gerechter verteilt.

Die Corona-Krise trifft die Wirtschaft hart. Viele Unternehmen stehen vor der Pleite oder können nur mit staatlicher Hilfe überleben. Einige Konzerne fürchten sogar eine Übernahme. Experten warnen vor einer noch stärkeren Konzentration von Produktivvermögen und Wirtschaftsmacht in wenigen Händen. Schon heute besitzen zehn Prozent der Deutschen rund 92 Prozent des Produktivvermögens. Bald könnte es noch mehr sein.

In dieser schwierigen Lage könnte eine alte Idee helfen: nämlich die Beschäftigten am Kapital der Firmen zu beteiligen, in denen sie arbeiten. Oder die große Lösung: Der Staat fördert die Beteiligung der Bürger am Produktivvermögen und verteilt es auf diese Weise gerechter.

Die Beteiligung der Beschäftigten am Unternehmenskapital wird seit langem diskutiert, weil sie auf den ersten Blick nur Vorteile bringt: Die Unternehmen hätten mehr Eigenkapital. Die Beschäftigten könnten mitreden, wären am Erfolg beteiligt und stärker motiviert.

Aber immer, wenn dieses Konzept realisiert werden soll, ziehen sich die Interessengruppen auf stereotype Einwände zurück. Viele Firmen schätzen die zusätzliche Motivation der Beschäftigten. Gleichzeitig wollen sie nicht, dass die Mitarbeiter mehr zu sagen haben. Sie beteiligen sie deshalb lieber nur an den Gewinnen als am Kapital.

Und die Gewerkschaften warnen. Wenn ein Unternehmen scheitert, an dem Beschäftigte beteiligt sind, könnten sie zusätzlich zu ihrem Arbeitsplatz auch ihr Geld verlieren. Nicht wenige Gewerkschafter haben zudem Vorbehalte dagegen, Arbeitnehmer zu „Kapitalisten“ zu machen.

Die Folgen der Corona-Pandemie verändern jedoch die Lage. Die finanziellen Engpässe vieler Unternehmen gefährden Arbeitsplätze. Zudem warnen Börsianer vor dem großen Fressen. Angeblich horten große Finanzkonzerne und Staatsfonds Milliarden, um Unternehmen zu kaufen, wenn diese krisenbedingt billig zu haben sind.

Arabische Staatsfonds sind in Ölkonzerne eingestiegen, nachdem der niedrige Ölpreis deren Aktienkurse nach unten getrieben hat. Für die Beschäftigten sind solche Übernahmen gefährlich, denn die Finanzkonzerne setzen oft Sparprogramme durch, um die Börsenrendite zu erhöhen. Das kostet häufig Arbeitsplätze. Die Beteiligung der Arbeitnehmer könnte Firmen vor dem Ausverkauf bewahren.

Um diese Beteiligung jedoch für die Beschäftigten attraktiv zu machen, müssten die Rahmenbedingungen verbessert werden. Derzeit liegt der Steuerfreibetrag für eine Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung bei 360 Euro pro Jahr. Experten empfehlen die Aufstockung des Steuerfreibetrages auf 3000 oder 3600 Euro pro Jahr. Zudem sollten die Dividenden oder Zinserträge aus den Anlagen bis zu einer gewissen Obergrenze steuerfrei gestellt werden. Die Gewerkschaften fordern zudem eine Risikoversicherung für die Kapitalanteile der Beschäftigten.

Betrachtet man jedoch die Debatte über milliardenschwere Anteile des Staates an der Lufthansa, bietet sich eine größere Vision als die innerbetriebliche Beteiligung der Beschäftigten an: Man könnte einen überbetrieblichen Investitionsfonds gründen.

Dabei könnte man sich an der Idee des „Deutschlandfonds“ orientieren, den der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) vor mehr als einem Jahrzehnt vorgestellt hat. Im Kern sieht das Konzept vor, dass der Staat einen großen Fonds gründet, an dem alle Bürgerinnen und Bürger Kapitalanteile zeichnen können. Die Erträge werden bis zu einer Obergrenze steuerbefreit.

Wolfgang Kessler schreibt als Journalist unter anderem für die „Frankfurter Rundschau“, die „Badische Zeitung“ und die „taz“.

Dieser Fonds müsste Prioritäten setzen: Die Rettung der Arbeitsplätze und eine nachhaltige Produktion rangieren vor maximaler Rendite. Mit diesem Ziel investiert der Fonds das Kapital sowohl in gut laufende Konzerne und in innovative junge Mittelständler als auch in kriselnde Firmen, die neu aufgestellt werden.

Wenn der Fonds das Kapital der Bürger in Hunderte Unternehmen investiert, ist es sicher, da Verluste einzelner Unternehmen durch Gewinne anderer aufgefangen werden. Viele Liberale und Konservative halten solch einen Fonds für ein teures Staatsmonster. Dass dies nicht sein muss, zeigt Schweden. Dort investiert ein Staatsfonds private Beiträge zur Altersvorsorge in die schwedische Wirtschaft. Und dies kostengünstig mit kaum mehr als zwanzig Beschäftigten.

Angesichts der drohenden Wirtschaftskrise in Folge der Corona-Pandemie hätten Kapitalbeteiligungen große Vorteile: Sie böten den Bürgern attraktive Anlagemöglichkeiten in Zeiten von Nullzinsen. Gleichzeitig könnten sie kriselnde Firmen vor der Pleite wie auch vor einer feindlichen Übernahme bewahren. Und langfristig das Produktivvermögen gerechter verteilen.

Wolfgang Kessler schreibt als Journalist unter anderem für die „Frankfurter Rundschau“, die „Badische Zeitung“ und die „taz“. Von 1999 bis 2019 war er außerdem Chefredakteur der Zeitschrift „Publik-Forum“.

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