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Rechte Kräfte in Israel versuchen, die Deutungshoheit über die globale Holocausterinnerung zu gewinnen.
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Rechte Kräfte in Israel versuchen, die Deutungshoheit über die globale Holocausterinnerung zu gewinnen.

Gastbeitrag

Kampf um Yad Vashem

  • vonMeron Mendel
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Rechte in Israel versuchen, die Deutungshoheit über die Erinnerung des Holocaust zu gewinnen.

Die Berufung Effi Eitams zum Vorsitzenden der Gedenkstätte Yad Vashem ist der Versuch rechter Kräfte in Israel, die Deutungshoheit über die globale Holocausterinnerung zu gewinnen. Es ist Zeit, dass auch der Zentralrat der Juden Stellung bezieht.

Den Namen des designierten Vorsitzenden von Yad Vashem, Effi Eitam, hörte ich erstmals in meiner Jugend, Ende der Achtziger, während der ersten Intifada. Eitam hatte seinen Truppen befohlen, Zivilisten zu schlagen. Ein Palästinenser starb. Bekannt wurde er vor allem durch araberfeindliche Parolen. Dieser Ruf brachte ihn nach dem Ausscheiden aus dem Militär ins Sicherheitskabinett Ariel Sharons. Schon zu Beginn seiner politischen Karriere machte Eitam keinen Hehl daraus, für seine Vision eines Israels vom Jordan zum Mittelmeer wäre er bereit, Hunderttausende Araberinnen und Araber zu vertreiben.

Die Nazimetapher „Juden als Krebsgeschwür“ wandelte er um, indem er israelische Araberinnen und Araber als solche bezeichnete. Zu seinem geschichtsrevisionistischen Repertoire gehörte auch die Darstellung der Palästinenserführung als Reinkarnation der Nazis. Über den damaligen palästinensischen Präsidenten sagte er: „Arafat ist ein Mörder. […] Wo liegt der Unterschied zwischen ihm und Eichmann? Ich würde mich nicht davor scheuen, ihn zu erhängen.“

Solche Positionen stehen für den israelischen Premier Benjamin Netanjahu nicht im Widerspruch zu den moralischen Anforderungen an den Leiter der wichtigsten Gedenkstätte der Welt. Eitam verfügt über keinerlei fachliche Qualifikationen auf dem Gebiet der Holocaustforschung oder Erinnerungskultur.

Hier geht es um einen bewussten Versuch, beide politisch zu vereinnahmen – nach der Orwellschen Prämisse: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Denn immerhin darüber besteht Einigkeit: Yad Vashem formuliert mehr als jede andere Institution das offizielle israelische Narrativ über die Vergangenheit und ihre Bedeutung für die Zukunft.

So wird in der rechten Zeitung „Israel Hayom“ davor gewarnt, Linksextremisten wollten die Erinnerung und die Geschichte „kapern“. Was „Israel Hayom“ unter Linksextremismus versteht, gilt unter fast allen Holocaustforscherinnen und -forschern als Konsens: die allgemeingültige Forderung Theodor W. Adornos, dass sich Auschwitz nicht wiederhole, nirgends. Dessen humanistische und universalistische Vorstellung steht im Widerspruch zur nationalistischen Ideologie Netanjahus. Die Mahnung „Nie wieder“ für alle Völker reduziert er auf die Prämisse: Nie wieder sollen wir Juden Opfer sein. In dieser Perspektive sind Palästinenserinnen und Palästinenser direkte Nachfolger der Nazis, deren Bekämpfung einzig und allein der Verhinderung eines zweiten Holocaust diene.

Die Formel „Opferbewusstsein mit militärischer Stärke“ als Legitimationsgrundlage für Nationalismus haben Netanjahu oder Eitam nicht erfunden. Der erste rechtsnationale Ministerpräsident Menachem Begin sah Israel als „Yad Vashem mit Luftwaffe“. Es dauerte eine Weile, bis israelische Kampfjets über KZ-Gedenkstätten flogen. Diese Aktionen nennt der israelische Holocaustforscher Yehuda Bauer „kindisch, arrogant und völlig überflüssig“. Nicht zuletzt war auch vielen Shoa-Überlebenden ein militarisiertes Gedenken zuwider: Das „Haus der Ghettokämpfer“ in Westgaliläa, begründet von den Anführern des Aufstands im Warschauer Ghetto, Yitzhak Zuckerman und seiner Frau Zivia Lubetkin, steht bis heute für humanistische Lehren aus der Shoa. Am dortigen Zentrum diskutieren Juden und Araber, was die Geschichte für das Zusammenleben bedeutet. Sie sind überzeugt, dass ein solcher Zugang zum Holocaust grundlegend für demokratische Werte ist. Auch Initiativen, die Besuche von Gedenkstätten von jüdischen und arabischen Israelis organisieren, gehören für mich dazu.

Viele internationale Organisationen haben protestiert. Auch die israelische Presse („Jediot Acharonot“ und „Haaretz“) widmet sich dem Thema. Nicht nur Israelis, auch Juden in der ganzen Welt stehen in der moralischen Pflicht, gegen eine nationalistische Instrumentalisierung der Shoa zu protestieren. Yad Vashem spricht dem Selbstverständnis nach im Namen des jüdischen Volkes, also auch für uns Juden in Deutschland.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sich vielfach darum verdient gemacht, Relativierungen und Instrumentalisierungen der Shoa als solche zu benennen. Diese moralische Autorität darf in dieser wichtigen Debatte nicht schweigen. In einer eindeutigen Personalfrage zu intervenieren, bedeutet weder ein Aufkündigen der Solidarität mit Israel noch ein Einmischen in innenpolitische Angelegenheiten. Yad Vashem ist zu wichtig, als dass es zum Spielplatz solcher Provokationen gemacht werden darf.

Meron Mendel ist Historiker, Erziehungswissenschaftler und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.

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