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Israelfeindlicher, antisemitischer Aufkleber - übermalt von linken Aktivisten

Judenfeindlichkeit

Kakophonie des Antisemitismus

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Judenfeindlichkeit scheint überall unsichtbar zu werden. Man muss aber nur genau hinschauen und hinhören, um sie zu entdecken.

Der Bericht zum letzten NSU-Untersuchungsausschuss ist medial etwas untergegangen. Es mag daran gelegen haben, dass bestenfalls Ergänzungen dazukamen. Nun beginnen die Plädoyers im Prozess gegen den NSU und es wird bald zu einem Urteil kommen. Neben den vielen blinden Flecken, dem grandiosen Versagen des Staates im Fall des NSU sei hier eine Anmerkung erlaubt: Antisemitismus scheint es beim NSU nicht gegeben zu haben.

Er kommt nicht als solcher vor. Weder im Bericht noch im Gericht. Nun kann man sagen, wozu den Antisemitismus, dieses „Detail“, betonen, der ganze rechtsextreme Müll ist doch schon genug, um sich ein Bild von der Gesinnung der Täter und Mittäter zu machen. Rechtsextremismus und Antisemitismus sind doch faktisch identisch, oder nicht? Sicher, so kann man den Antisemitismus auch unsichtbar machen.

Es ist doch so: Antisemitismus neigt dazu, überall unsichtbar zu werden, sich in Phrasen und Wortwolken aufzulösen. Antisemitismus gibt es gar nicht mehr. Denn alles, was weniger ist als der Holocaust, geht nicht als Antisemitismus durch. Das haben die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt: Der Maßstab ist der Holocaust. Daneben verblasst alles: Antisemitismus in der Friedensbewegung, den Anti-Elitenprotesten der Querfront, in religiösen muslimischen Milieus, Antisemitismus mit Israelbezug oder im linken Antiimperialismus der G20-Gegner.
Mit Palästinas „Befreiung“ von den Juden lösen sich nach diesen Auffassungen angeblich alle Weltkonflikte auf und es wird endlich Frieden. Die Juden sind schuld am Elend der Welt, an der Gier, der Zerstörung, dem Kapitalismus.

Die Narration unserer Zeit läuft fast immer auf irgendeine Verschwörungstheorie hinaus, nach der einige wenige irgendwo heimlich und hämisch dafür die Strippen ziehen. Ein Strom verschwörungstheoretischer Geschichten zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft. Ein Hintergrundrauschen, das zu einem Dröhnen anwächst. Und nichts davon soll antisemitisch sein?

Kommen wir zu unseren NSU-Tätern zurück. 1996 bereits hatte Uwe Böhnhardt nahe Jena am Geländer einer Brücke über der Autobahn 4 eine Puppe mit einem Davidstern aufgehängt, die in einer Schlinge steckte. Dann gab es dieses von dem Trio entworfene und vertriebene Brettspiel „Pogromly“ – eine Art Monopoly, bei dem das Ziel lautete, Städte „judenfrei“ zu machen.

Sie beobachteten auch jüdische Einrichtungen und solche, die sie dafür hielten. Die NSU-Nazis gehören zu der Art Menschen, die den Holocaust gleichzeitig leugnen und feiern. Das ist antisemitisch. Doch weshalb wird darüber nicht gesprochen? Weil Antisemitismus, wenn überhaupt, nur dort zu finden ist? Weil das und nur das Antisemitismus ist und alles andere nicht?

Nein, das wäre zu einfach. Die Übergänge zwischen dem zwar verschwiegenen, aber realen Antisemitismus des NSU und der großen Verschwörungslegende unserer Zeit sind einfach zu peinlich. Niemand mag sich hier irgendeine Gemeinsamkeit mit den Mördern vorstellen. Von hängenden Puppen an der Autobahn zu Streetart-Graffiti wie „Smash Jews“ oder „Fake Jews“ ist der gedankliche Weg nicht so furchtbar weit. Man muss heute schon blind sein, das nicht zu sehen, und taub, das Dröhnen nicht zu hören. Der NSU ist nur ein Ton in der Kakophonie des weltweiten Antisemitismus.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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