Kommentar

Junge Leute, alte Melodie

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Die Bertelsmann-Studie offenbart auch unter Jungen ein Verständnis von Europa, das von Absicherung geprägt ist: Europa ist demnach ein Schutzraum vor Flüchtlingen - und nicht für sie.

Wer schwarz sieht für Europa, kann sich auf die Redensart berufen: „Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen.“ Die Alten Europas – nicht alle, aber doch ein großer Teil – singen seit Jahren ein Lied, das Europa als Wunderwelt der Menschenrechte preist, an deren Inanspruchnahme Nicht-Europäer allerdings gehindert werden müssten; als Schutzraum, der keinen Schutz für Flüchtlinge, sondern vor ihnen gewährt; als Sicherheitsversprechen, das sich nicht im Recht auf Asyl bewährt, sondern in der Abwehr von Asylbewerbern als Gefährder der Sicherheit.

So zwitschern inzwischen auch – wie eine jetzt veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt – die Jungen. Zwar halten mehr als drei Viertel der befragten Jugendlichen die Europäische Union für eine große Sache, aber nur als geschlossene Gesellschaft. Den Text und die Melodie dieses Liedes hat der ungarische Ministerpräsident geschrieben, Viktor Orban.

Die offizielle Europahymne klingt anders. Der Text der Ode, „Freude, schöner Götterfunken ...“, wurde von Friedrich Schiller geschrieben – aber er wird in Europa nicht gesungen. Wer dem Lied Orbans etwas entgegensetzen will, der muss wieder singen lernen: „Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!“ Das ist naiv? Man könnte auch sagen: Das sind die Menschenrechte in einem Satz.

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