Kolumne

Was ist mit der Jugend los?

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Sollten Bewohner einer WG wegen eines Einbrechers die Polizei holen?

Eigentlich ist eine Kolumne ja nicht dafür da, Polizeiberichte zu verbreiten oder gar Sinnloses aus aller Welt. Ich will es dennoch probieren, und zwar beides auf einmal. Und nicht nur das. Am Ende wartet sogar noch eine knallharte Gesellschaftskritik.

Der Fall: Dieser Tage vermeldete die Polizei in Hannover einen Wohnungseinbruch. Ein kurzer Bericht, drei Fakten, vier Zahlen, basta. Doch Polizisten sind häufig jung und somit in vielen Dingen des Lebens unerfahren, so zum Beispiel beim Thema „Wohngemeinschaften“. Entsprechend oberflächlich blieb die Schilderung des Ereignisses.

Ich hingegen verfüge als älterer Herr auch in dieser Sache über einen nicht unbeträchtlichen Erfahrungsschatz und habe mich deswegen darangemacht, der kargen Notiz etwas Tiefe angedeihen zu lassen. Ich erzähle sozusagen die Geschichte hinter der Geschichte in etwas ausgeschmückter Form. Fangen wir also an.

Ein Mann brach also in eine Wohnung ein. Das erforderte keine besonderen Fähigkeiten, denn das Schloss war alt, die Terrassentür morsch und außerdem nur angelehnt. Es war Donnerstag und kurz vor Mittag, der Mann wähnte die Wohnung verlassen und verspürte heftigen Hunger.

Also ging er in die Küche, sich ein Mahl zuzubereiten und begann mit dem Schälen dort vorgefundener Kartoffeln. Gegen halb eins öffnete sich die Tür, ein weiterer Mann trat herein, raunte ein kurzes und verschlafenes „Hallo“ und machte sich einen Kaffee.

Der Einbrecher schälte schweigend zu Ende, setzte die Kartoffeln auf und deckte sich den Tisch. Kurz vor eins, die Kartoffeln waren gerade gar, betrat ein weiterer Mann die Küche, zischte missmutig ein knappes verschlafenes „Moin“ und machte sich einen Kaffee.

Der Einbrecher schlug sich drei ebenfalls vorgefundene Eier in die Pfanne, briet sie, begab sich zu Tisch und begann genüsslich zu speisen. Fünf vor eins beschlurfte ein weiterer Mann die Küche, brabbelte ein kaum vernehmbares „Moinsen“ und machte sich einen Kaffee. Die drei Kaffeetrinker sahen dem Eieresser zu.

Man schwieg, denn für die drei Bewohner war es noch zu früh zum reden, und der Eieresser sah keine Veranlassung für eine Plauderei. Zudem war er auch der deutschen Sprache nicht sonderlich mächtig, wie sich später herausstellen sollte.

Es hätte ein perfekter Tag werden können, wäre da nicht der vierte Bewohner erschienen. Der trat um halb zwei in die Küche, sagte „Guten Morgen“, machte sich einen Kaffee und fragte dann den Eieresser: „Wer bist denn Du?“.

Da begann der ungewollte Coup zu platzen. Nach und nach wurde klar, dass keiner der vier Kaffeetrinker den Eieresser kannte und alle gedacht hatten, er sei bei einem der drei anderen zu Gast. Um zwei riefen sie die Polizei, die kam um kurz vor drei, dann war der Spuk vorbei.

Kommen wir abschließend zu der versprochenen Gesellschaftskritik. Was ist denn nur mit der heutigen Jugend los? Früher benötigten wir keine Einbrecher, um ständig von irgendwem den Kühlschrank leergefressen zu bekommen.

Und häufig lümmelten irgendwelche Gestalten tagelang in unserer WG herum, ohne dass sie jemand kannte. Das hat zwar irgendwie genervt, aber, hallo, wir hätten deswegen doch nie im Leben die Polizei gerufen! Davon mal abgesehen, wäre die auch gar nicht gekommen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher

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