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Sind Dirndl und Lederhose gelebter Sexismus?

Kulturpessimismus

Die Jugend von heute

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Lesen hilft, um den Kontakt zur jüngeren Generation nicht zu verlieren. Aber was lernt man? Die Kolumne.

Ab einem bestimmten Alter muss du aufpassen, kein verkarsteter Grumpelsack zu sein. Deshalb spreche ich stets, wenn der Kulturpessimismus mich zu umnachten droht, in meinen elektrischen Heizschuh: Die Jugend von heute war schon gestern der Untergang von morgen.

Aber gerade ist es echt nicht leicht. Da sind diese Berliner Studenten, die sich gegen ein aus vier Hauptwörtern bestehendes Gedicht wehren, in dem ein Mann sich am Anblick von Frauen erfreut. Es sei Ausdruck überkommener patriarchaler Strukturen. So lässt sich über jedwede Kunst richten.

Kontakt zur Generation Y

Da wimmelt es von Männern, die Frauen attraktiv finden. Die Studenten schlagen vor, das berühmte Poem um eine gendergerechte Zeile zu ergänzen. An ihrer Hochschule werden Erzieher ausgebildet. Bang wird mir. Und bänger. Reisen künftige Kinder zu den Alten Meistern nach Dresden und korrigieren Rubens’ voyeuristische Darstellung der Bathseba am Brunnen? Mit Farbspray?

Um den Kontakt zur Generation Y nicht ganz zu verlieren, lese ich oft auf den Jugendseiten großer Internet-Nachrichtenportale. Bewusstseinserweiterung funktioniert da ohne Drogen. „ze.tt“, „jetzt“ und vor allem das adoleszenztherapeutische „bento“ öffnen grellbunte Welten. Darin leben junge Leute, die eher selten auf dem Bau oder im Supermarkt arbeiten. Statt Betriebswirtschaftslehre oder Neuroinformatik studieren sie soziale Arbeit oder irgend etwas mit Medien.

Sie studieren soziale Arbeit oder was mit Medien

Angesichts ihrer rauschhaften, aus der Knechtschaft von Raum und Zeit befreiten Visionen fühle ich mich wie längst kompostiert. Sie plaudern gern über ihre oder mit ihren Vaginen. Von ihnen lerne ich, dass Vollverschleierung die emanzipierte Frau symbolisieren kann und alpine Damenoberbekleidung fragwürdig ist.

Die Frage „Kann man links sein und Dirndl tragen?“ wird da klar mit Nein beantwortet, weil „die Tracht von rechts missbraucht wird“ und Andreas Gabalier die Lederhose verherrlicht. So gesehen ist das Münchner Oktoberfest das Präludium zu einem weiteren Nürnberger Reichsparteitag.

Indes sei eingeräumt, dass einst auch mir Texte unterliefen, die mir heute medikamentös induziert erscheinen. Ich erklärte alle Kritiker der Hütchenspielerei zu Kryptofaschisten. Eine meiner steileren Thesen lautete: Plastikweihnachtsbäume schonen die Umwelt. Zum Glück erinnern sich Journalisten selten in diese Richtung. Dampfdenker wie Hans-Ulrich Jörges wären ansonsten arbeitsunfähig. Du kannst nicht furios kolumnieren, wenn die Großhirnrinde dauernd meldet, dass es furioser Quatsch sein könnte.

Der an der Stanford University lehrende Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht wunderte sich einmal, warum man ihn nicht mehr mit jungen Doktoranden arbeiten ließ. Seine Dekanin verriet es ihm. Es lag an seinem „Hang zu frauenfeindlichen Äußerungen“. Er hatte seine Tochter öffentlich als gut aussehend bezeichnet. Das war sein, kein Spaß, sexistischer Exzess.

Hans Ulrich Gumbrecht schrieb später, ohne halbstarke Überzeugungen sei Fortschritt nun mal nicht zu haben. Seine Studentinnen und Studenten gingen im Alltag ja tatsächlich ohne „Mikro-Aggressionen“ miteinander um. In der wilden Welt von morgen würde ihnen das womöglich zugutekommen. Der Professor ist viel älter als ich. Auch er müht sich noch, kein Grumpelsack zu sein.

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