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Die Jugend fühlt sich von den Parteien nicht angesprochen.

Politische Meinungsbildung

Je jünger - desto niedriger die Wahlbeteiligung

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Nach der Bundestagswahl analysieren Parteien und Medien das Angebot zur politischen Meinungsbildung. Junge Menschen möchten anders über Politik informiert werden als bisher. Der Gastbeitrag.

Der Wähler hat entschieden – und Parteien, Wahlforscher und Medien sind mitten in der Analyse, wer bei wem mit welchen Positionen am besten punkten konnte. Ein Thema wird dabei kaum beachtet: Junge Wähler sind unzufrieden mit dem Angebot zur politischen Meinungsbildung und fühlen sich von Parteien kaum angesprochen.

Junge Wähler sind nicht unpolitisch

Drei Millionen Wähler hätten in diesem Jahr erstmals ihr Kreuz machen können, insgesamt waren rund 9,4 Millionen Menschen unter 30 Jahren zur Stimmabgabe aufgerufen. Die Statistik vergangener Wahlen zeigt: Je jünger die Altersgruppe, desto niedriger die Wahlbeteiligung – daran dürfte sich auch in diesem Jahr nicht viel geändert haben. Dabei sind die Jungwähler alles andere als unpolitisch. Hier passen Angebot und Nachfrage nicht zusammen. Die Gefahr: Die Jungen wenden sich von der Politik ab und sind, zumindest vorerst, als Mitbestimmer von gesellschaftlicher Zukunft verloren. Politische Meinungsbildung und Partizipation bedürfen daher einer Neujustierung – sowohl im Digitalen als auch im Realen.

Die Rahmenbedingungen für die politische Meinungsbildung sind heute nicht einfach. Die Zahl der Parteien wächst, die Informationsmöglichkeiten sind kaum überschaubar. Familie, Freunde und Bekannte sowie Tageszeitung und Fernsehen spielen nach wie vor eine wichtige Rolle. Doch das Internet hat längst eine herausragende Bedeutung.

Wie eine Umfrage der Hertie-Stiftung unter politisch interessierten Jugendlichen ergab, messen 83 Prozent von ihnen dem Internet eine wichtige bis sehr wichtige Bedeutung für die politische Meinungsbildung bei. Interessanterweise spielt Facebook in dieser Hinsicht kaum eine Rolle – nur jeder vierte Befragte nutzt die Plattform, um sich politisch eine Meinung zu bilden.

Facebook spielt keine Rolle

Dagegen liegt Youtube mit 63 Prozent bei den Social-Web-Plattformen weit vorne. Unangefochtener Spitzenreiter für die politische Meinungsbildung im Internet sind jedoch die Internetpräsenzen von Tages- und Wochenmedien: 96 Prozent der befragten Jugendlichen informieren sich dort über Politik. Die Websites von Parteien besuchen immerhin 41 Prozent.

Allerdings gibt es im Web Nachholbedarf: 62 Prozent der Jugendlichen wünschen sich mehr Informationsangebote im Internet, nur 26 Prozent geben an, dass sie sich im Social Web eine klare politische Meinung bilden könnten.

Die Ansatzpunkte sind evident: Während Onlinemedien das Vertrauen in sie als einordnende Instanz bereits gut nutzen, suchen Jugendliche vor allem nach direkter, möglichst ungefilterter Information mit hoher Authentizität – wie sie vor allem über Bewegtbild vermittelt wird.

Youtube liegt weit vorne

Posting-Plattformen, bei denen die Absichten der Absender zu oft im Ungefähren bleiben, haben das Nachsehen. Hier bieten sich auch Chancen für neue politische Initiativen und Plattformen, die glaubwürdig ihre Neutralität und Unabhängigkeit vermitteln können – und bei denen Jugendliche die zentralen Akteure sind. Viel zu häufig werden Informationsangebote für junge Leute von Angehörigen einer älteren Generation gemacht – in der Annahme, schon zu wissen, was junge Menschen gerne hören möchten.

Auch in der realen Welt gilt es, politische Partizipation zu stärken. Der von jungen Leuten gegründete Thinktank Polis180 hat im Vorfeld der Bundestagswahl in seiner Altersgruppe Wege zu mehr politischer Teilhabe eruiert. Die Vorschläge: Parteien sollten ein Mitgliedermanagement einführen, mit dessen Hilfe die Erwartungen an ein politisches Engagement abgeklärt und Möglichkeiten, sich persönlich einzubringen, aufgezeigt werden könnten. Auch Mentorenprogramme für Neumitglieder könnten helfen. Noch weiterführender ist der Vorschlag, eine Jugendquote in Parteien einzuführen. Und politische Bildung könnte ein Schulfach werden.

Nicht zuletzt läuft die Identifikation mit einer Partei in besonderer Weise über die Identifikation mit ihren politischen Vertretern. Mehr Durchlässigkeit in der Hierarchie ist daher ratsam. Die politischen Jugendorganisationen erscheinen häufig leider nur als Kopie der Mutterpartei – gleiche Struktur, gleiche Diskussionsformate, mit wenig Offenheit für neue Herangehensweisen.

Unsere Aufgabe ist es, die Wünsche junger Menschen im Hinblick auf mehr politische Teilhabe und Mitgestaltung noch stärker zu berücksichtigen, ihnen noch bessere Informationsangebote zu liefern, und sie einfach mal selbst machen zu lassen. Hoffen wir, dass die Zeit der Analyse für die richtigen Schlussfolgerungen in dieser Hinsicht genutzt wird.

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