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Das Oberlandesgericht in Naumburg lehnt die Entfernung des historischen Reliefs von der Stadtkirche in Wittenberg ab.

OLG Naumburg

Die „Judensau“ von Wittenberg darf bleiben - Das ist auch gut so

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Das Oberlandesgericht in Naumburg lehnt die Entfernung des historischen Reliefs „Judensau“ von der Stadtkirche in Wittenberg ab. Das ist auch gut so. Ein Kommentar.

Das beste Argument für seine Niederlage vor Gericht hat der Kläger selbst geliefert. Michael Düllmann, einst evangelischer Theologiestudent und dann zum Judentum konvertiert, wurde vor Monaten im Mitteldeutschen Rundfunk folgendermaßen zitiert: „Ich war und ich bin entsetzt, dass die Kirche sich seit Jahrhunderten den Antisemitismus, die Judenfeindschaft zum Teil ihrer Verkündigung gemacht hat, denn das wird an dieser Kirche sichtbar.“ Damals war Düllmann vor dem Landgericht Dessau-Roßlau mit seinem Ansinnen gescheitert, das antisemitische „Judensau“-Relief von der Stadtkirche in Wittenberg zu entfernen und ins Museum zu bringen.

Historisches Relief „Judensau“ darf bleiben 

Am Dienstag hat er auch vor der nächsten Instanz, dem Oberlandesgericht in Naumburg, verloren. Ihm bleibt allerdings noch die Revision. Wer die Plastik betrachtet, kann Düllmanns Entsetzen nur teilen: Ein Rabbiner hebt den Schwanz eines Schweins an und betrachtet das Tier, das im Judentum als unrein gilt, von hinten. An den Zitzen der Sau saugen Männer, offenbar ebenfalls Juden. Das Relief aus dem späten 13. Jahrhundert hat Martin Luther, der im 16. Jahrhundert in der Stadtkirche predigte, sicher gefallen, seine antisemitischen Ausfälle sprechen dafür. 

Kein Zweifel also: Die Geschichte kirchlicher Judenfeindschaft „wird an dieser Kirche sichtbar“, wie Kläger Düllmann sagt. Aber genau deshalb ist es gut, wenn die Plastik bleibt. Dafür spricht auch der größere Zusammenhang: Das Relief ist ja nicht der einzige Gegenstand der Debatte über den Umgang mit historischen Zeugnissen für alle möglichen Spielarten von Menschenfeindlichkeit. 

„Judensau“ und „Negerkönig“ als Beispiel gegen Antisemitismus und Rassismus 

So sorgt etwa die Frage, ob aus Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ die rassistische Bezeichnung „Negerkönig“ entfernt werden sollte, regelmäßig für heftigen Streit. Muss das alles weg, weil „Judensau“ und „Negerkönig“ bis heute ansteckend sind? Oder lassen sie ich nicht gerade als Gegenmittel nutzen, wenn an ihrem Beispiel über Antisemitismus und Rassismus aufgeklärt wird? Im Boden unter dem Schweine-Relief von Wittenberg gibt es seit mehr als 30 Jahren eine Gedenkplatte, die an die Ermordung von Millionen Juden erinnert – wenn auch ziemlich verklausuliert. 

„Judensau“ in Wittenberg:  „Wegwischen und Entfernen“ sei „Selbstbetrug“

Es gibt auf Tafeln historische Erläuterungen. Und die Stadtkirchen-Gemeinde verhandelt mit jüdischen Organisationen über eine noch klarere Einordnung der antisemitischen Plastik. Michael Düllmann hatte höchst ehrenwerte Motive für seine Klagen. Aber es ist gut, dass er verloren hat. „Wegwischen und Entfernen“ sei „Selbstbetrug“, sagt der Historiker Michael Wolffsohn. Recht hat er: Wer Geschichte unsichtbar macht, droht das Bewusstsein für sie zu verlieren.

Der Kölner CSD wird unter einem neuen Motto stattfinden. „Einigkeit! Recht! Freiheit!“ zogen die Veranstalter zurück. Was macht die AfD? Versucht zu spalten. Ein Kommentar.

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