Die Presse wird stärker geknebelt. Autoritäre Regierungen nutzen dafür auch die Corona-Krise. Der Journalismus muss die Herausforderung annehmen.
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Die Presse wird stärker geknebelt. Autoritäre Regierungen nutzen dafür auch die Corona-Krise. Der Journalismus muss die Herausforderung annehmen.

Leitartikel

Journalismus in Zeiten der Corona-Pandemie: unter Beschuss und vor neuen Herausforderungen

  • Karin Dalka
    vonKarin Dalka
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Die Presse wird stärker geknebelt. Autoritäre Regierungen nutzen dafür auch die Corona-Krise. Der Journalismus muss die Herausforderung annehmen.

  • Die Presse steht in Zeiten der Corona-Pandemie unter starkem Druck und wird verstärkt angegriffen.
  • Der Journalismus muss die gegebenen Herausforderungen annehmen.
  • Gefahren für die Pressefreiheit müssen gemeinsam gebannt werden.

Corona stresst. Weil die Krise Fragen aufwirft, auf die niemand gesicherte Antworten geben kann. Weil der Zweifel nagt, ob wir die richtigen Fragen stellen. Oder wie es der Philosoph Jürgen Habermas treffend formulierte: Weil es noch nie so viel Wissen über unser Nichtwissen gab. Und weil das eine existenzielle Unsicherheit erzeugt.

Womit wir beim Tag der Pressefreiheit sind. Journalismus ist gefragter denn je. Journalismus soll die Sehnsucht nach Gewissheit bedienen, nach Information, Einordnung und Orientierung, nach einer Perspektive. Er weckt die Hoffnung, wieder den Boden unter den Füßen zu spüren, den die Krise so plötzlich weggerissen hat. Deshalb hören Millionen Menschen den Podcast des Berliner Virologen Christian Drosten, folgen den Corona-Livetickern, erlebt der Wissenschaftsjournalismus eine Blütezeit.

Nichts scheint erstrebenswerter, als quälende Ungewissheit zu minimieren. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Dieser Satz, der dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben wird, beschreibt eine Haltung, die uns scheinbare Selbstverständlichkeiten hinterfragen lässt.

Das ist lebensklug und zugleich schwer auszuhalten. Denn neurowissenschaftlich gesprochen ist unser Steinzeitgehirn immer noch darauf erpicht, Mehrdeutigkeit zu eliminieren. Die Unsicherheit, was richtig und falsch ist, kann uns vor Angst lähmen und damit lebensgefährliche Sekunden kosten: Kämpfen oder wegrennen, wenn sich der Säbelzahntiger nähert?

Neue Herausforderungen: Weiterentwicklung des Journalismus

In der aktuellen Situation weist die Psychologie für den Einzelnen und die Gesellschaft einen Weg, der auch die Rolle des Journalismus in der Corona-Krise verändert. Es geht um eine neue Definition von Ambiguitätstoleranz, einer Schlüsselkompetenz in freiheitlichen Gesellschaften. Darum, Meinungsvielfalt unter Stress zuzulassen und sogar zu stärken. Auf Entwicklungen flexibel zu reagieren. Widersprüche nicht wegzudrücken – auch Virologen und Epidemiologen lernen ständig dazu.

Es gilt, die unterschiedlichen Interessen der Gesundheitsbehörden, der Wirtschaftsunternehmen, der Verantwortlichen im Bildungssystem und nicht zuletzt das individuelle Bedürfnis nach Nähe gegeneinander abzuwägen. Guter Journalismus leuchtet die widerstreitenden Strategien aus und reflektiert die Normen und Werte, auf denen sie im besten Fall beruhen. Er entlarvt politische Machtspiele und organisiert einen demokratischen Diskurs.

Journalismus in Corona-Zeiten: Der Stützpfeiler eines demokratischen Gemeinwesens

Das ist ambitioniert und war es schon immer. Aber gerade in einer Gesellschaft, die mit der Angst kämpft, sind das die elementaren Aufgaben eines Qualitätsjournalismus, der Stützpfeiler für ein demokratisches Gemeinwesen sein will und sein soll. Das ist anstrengend, und gerade zu Beginn der Corona-Krise längst nicht immer gelungen.

Und es funktioniert nur, wenn Journalistinnen und Journalisten ihre Standards – sorgfältig recherchieren, informieren, bewerten – im Lichte der Corona-Krise weiterentwickeln. Heißt: Bevor sie sich trauen können, Antworten zu geben, müssen sie auf die Suche gehen nach den relevanten Fragen, die sie noch nicht gestellt haben.

Gefahren in Zeiten der Corona-Pandemie: Freier Journalismus wichtiger denn je

Das erfordert eine Leidenschaft, die sich von der medialen Gegenströmung nicht ersticken lässt. Die nicht aufgibt, auch wenn sich immer mehr Menschen in ihren Echokammern einrichten, die sogenannten Mainstreammedien verunglimpfen und den Verschwörungstheorien populistischer und rechtsextremer Vereinfacher Glauben schenken.

Die sich dagegen stemmt, dass weltweit autoritäre Regime die Krise nutzen, um die Pressefreiheit zu zerstören, sie zu verhindern und um ihre eigene Macht abzusichern. Das gilt nicht nur für China oder Saudi-Arabien, sondern auch für den EU-Partnerstaat Ungarn, wie die Organisation Reporter ohne Grenzen jüngst in ihrem Jahresbericht feststellen musste. Die Tendenz, Medien zu knebeln, hat sich bedrohlich beschleunigt. Das fordert alle heraus: die Presse, alle demokratischen Institutionen, die Zivilgesellschaft, letztlich jede und jeden.

Corona stresst. Ein unerschrockener Geist weiß, dass es sich lohnt, das auszuhalten. Nur eine starke Demokratie gibt uns die Freiheit und den Raum, Visionen zu entwickeln. Auch für eine bessere Welt nach Corona.

Von Karin Dalka

Vor einem Jahr wurde FR-Reporter Danijel Majic in Österreich zum Hassobjekt von Rechten. Gegen solche Übergriffe müssen wir uns alle wehren.

In Berlin wurde nun ein Kamerateam der Satire-Sendung „Heute Show“ (ZDF) attackiert. Der der Staatsschutz ermittelt aktuell. 

Auch Journalistinnen und Journalisten haben in der Corona-Krise nicht immer alles richtig gemacht. Sie sollten daraus lernen. Eine medienethische Einschätzung.

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