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Der Journalismus hat viel zu verlieren

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Von: Klaus Staeck

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"Lügenpresse" - der Journalismus darf den Vertrauensverlust nicht einfach hinnehmen.
"Lügenpresse" - der Journalismus darf den Vertrauensverlust nicht einfach hinnehmen. © © epd-bild / Hartmut Schmidt

Die Redaktionen müssen verhindern, dass das Vertrauen in den anspruchsvollen Journalismus weiter schwindet. Nur zuzusehen, wäre in der Tat fahrlässig. Die Kolumne.

Es wächst der Eindruck, dass wir nicht mehr alle Menschen im Land erreichen können“, schreibt die Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks ihren Hörern und Internet-Lesern in einem Editorial. Vom Vorwurf der „Gleichschaltung“ – hieß das nicht schon in der Nazizeit so? – bis zum rhetorischen Fallbeil der „Lügenpresse“ bekommen die Redakteure nunmehr täglich die ganze Skala der Diffamierung per E-Mail und in den angeblich sozialen Medien um die Ohren gehauen. So als wären Pegida und AfD nicht die obszönen Randerscheinungen unserer Demokratie, sondern eine Art tägliches politisches Folkloreprogramm.

Mit sachlicher Kritik setzen sich verantwortungsbewusste Journalisten intensiv auseinander. Doch seit sich der Ton in den Hörer- und Leserzuschriften auffallend ins Rüde und Krawallige verändert hat, stoßen die Dialogangebote immer öfter ins Leere, weil die Gegenseite gar nicht mehr diskutieren will. Es ist unter unseren Augen eine Gegenöffentlichkeit zu den traditionellen Massenmedien entstanden, die durch ihre Vernetzung mit dem deutschnationalen, EU- und US-feindlichen Milieu, mit den Pro-Putin-Propagandisten und den wirresten Verschwörungsfanatikern eine „Querfront“ bildet. Mit diesem Begriff hat die Otto-Brenner-Stiftung kürzlich in einer Studie die „Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks“ beschrieben.

Keine Diskussionsbereitschaft

Im Zentrum finden wir Jürgen Elsässer, den Chefredakteur des Magazins „Compact“, eines Unternehmens, das sich zur multimedialen Propagandaschleuder mit TV-Kanal im Internet, mit Blogs und Druckerzeugnissen sowie als Kongressveranstalter entwickelt hat. Für die letzte Konferenz „Freiheit für Deutschland“ Ende Oktober in Berlin warb Elsässer: „Compact hat den ‚Mut zur Wahrheit‘: Deutschland ist immer noch ein besetztes Land. Wir sind ein Militärprotektorat und eine Wirtschaftskolonie der USA. TTIP ist der Versailler Vertrag des 21. Jahrhunderts.“

Den Mut zur Wahrheit, dass TTIP unser Wirtschaftssystem gefährden würde und deshalb verhindert werden muss, nehme ich auch für mich in Anspruch. Hier zeigt sich, wie die wilden Populisten, die auch die Nähe zu den irrationalen „Reichsbürgern“ wie zu den Pegida-Mitläufern suchen, die Maßstäbe durcheinanderbringen. Soll ich mich als TTIP-Befürworter vor Elsässers Umklammerung schützen?

Das Dilemma fließender Grenzen in der Gegenöffentlichkeit hat auf der linken Seite auch die verdienstvollen „NachDenkSeiten“ erwischt. Vor zwölf Jahren von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb als Internet-Medium politischer Aufklärung und Diskussion gegründet, ging nun der zweite Mann von Bord. Er fand das einstige Ziel der Reise nicht mehr wieder, „Informationen und die differenzierte Abbildung der Wirklichkeit vor ihre politische Bewertung und vor die Unterordnung unter das eigene Weltbild“ zu stellen. Stattdessen wurde zum Kampf gegen die Herrschenden und gegen die Medien aufgerufen – ein Weg in die politische Resignation. Immer öfter gelangte auch der Vorwurf der „Gleichschaltung“ in den Weblog – die NachDenkSeiten auf dem Weg in die „Gegenpropaganda“.

Zurück zum DLF: Es wäre in der Tat fahrlässig, einfach zuzusehen, wie das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien – wie auch in den anspruchsvollen Printjournalismus – weiter schwindet. Wir haben viel zu verlieren.

Klaus Staeck ist Grafiker.

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