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In der Türkei haben Journalisten einen schlechten Stand. 

Tag der Pressefreiheit

Journalismus - ein Lebensmittel für die Demokratie

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Was ist verantwortungsvoller Journalismus? Wie ist Medienverächtern beizukommen? Reicht allein gutes Handwerk? Der Leitartikel.

Kennen Sie die neueste Werbekampagne von McDonald’s? Da behauptet der weltgrößte Burgerbrater auf augenfälligen Plakatwänden: „Die Welt können wir nicht verbessern. Aber uns.“ Und reagiert damit auf die Vertrauenskrise, die neben der Politik und den Medien auch Unternehmen beutelt. Kunden glauben den Markenversprechen immer weniger.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind zweifellos ein Wirtschaftsfaktor, aber – viel entscheidender – auch grundlegend für den Zusammenhalt einer demokratischen Gesellschaft. Womit wir beim heutigen Tag der Pressefreiheit wären. Und der Frage, wie Medien als Pfeiler der Demokratie mit Misstrauen, Wut und Gewalt umgehen, denen sie begegnen.

Die Antwort darauf ist oft allzu ärmlich. Da reagiert die angebliche Vierte Gewalt wie McDonald’s: drückt sich darum, ihren gesellschaftlichen Auftrag offensiv zu vertreten und flüchtet sich stattdessen ins Bessermachen – in das Versprechen von ordentlichem Handwerk, mehr Sachlichkeit, größerer Transparenz, ausgewogener Information.

Journalisten streiten für Freiheit und Menschenrechte

Nichts dagegen einzuwenden, schließlich wird in der Branche genug unprofessioneller Mist gebaut, werden häufig Fehler gemacht und selten genug eingestanden. An handwerkliche und ethische Standards zu erinnern, kann da keineswegs schaden.

Aber: Journalistinnen und Journalisten sind keine Burgerbrater. Sie haben einen Auftrag. Haben sich nicht nur professionell um ihr Handwerk zu kümmern, sondern auch um die Welt. Und ja, auch darum, sie besser zu machen. Indem sie für Freiheit streiten, für Menschenrechte, für Gerechtigkeit und eine offene Gesellschaft. Das muss immer wieder gesagt werden, laut, unerschrocken!

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Verantwortungsvoller Journalismus betreibt keine Politik – er unterstützt seine Nutzer in ihrer Befähigung, politisch zu handeln. Verantwortungsvoller Journalismus heißt Vielfalt – bei den Medienangeboten, der publizistischen Ausrichtung, der Haltung. Verantwortungsvoller Journalismus gibt keine eindeutigen Antworten – er zwingt die Rezipienten zur Wahl: Was die Schlüssigkeit der Argumente angeht, die Relevanz der Problembeschreibungen, die Perspektive im Blick auf die Welt.

26 Journalisten in Deutschland angegriffen

Es ist die Verweigerung der Eindeutigkeit, die Journalismusverächter so rasend macht. Wobei sie gleichzeitig ungerührt behaupten – was nur als Spiegel ihrer Projektion verstanden werden kann – dass alle Medien in ihren Botschaften gleichgeschaltet und von oben gesteuert seien.

Sie wünschen sich die Reduktion von Komplexität in einer undurchsichtigen Welt und bekommen stattdessen im besten Fall kritische Vielfalt. Das heißt: anstrengende Entscheidungsmöglichkeiten. Wer Denkkorridore braucht und Meinungsführerschaft will, ist davon überfordert. Was wütend und gewalttätig machen kann.

26 Journalisten wurden hierzulande im vergangenen Jahr angegriffen. Bespuckt, beschimpft, geschubst, geschlagen. Dreimal so viele wie im Jahr 2017. Praktisch alle Attacken kamen von rechts. Die Aggression wächst.

Unterdrückungsapparat gegen die Pressefreiheit

Dennoch steht Deutschland, was Pressefreiheit angeht, noch gut da – weil es in anderen Ländern schlimmer zugeht. Ermordete Journalisten, gefolterte, eingesperrte, verfolgte. Auf der Landkarte der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen erscheint der größere Teil der Welt in alarmierendem Rot oder finsterem Schwarz: schlechte bis üble Lage. Selbst in EU-Ländern, in Polen, der Slowakei, Tschechien und Österreich wird es für Medienschaffende immer bedrohlicher.

Das muss allen Angst machen, die Freiheit als Menschenrecht verteidigen wollen. In autokratisch regierten Ländern wie Russland und der Türkei, in Diktaturen wie Nordkorea und China, nutzen Regime einen effektiven Unterdrückungsapparat gegen die Pressefreiheit. In pluralistischen Gesellschaften brauchen die Regierenden keine umfassende Überwachung und Zensur. Da kommt die Aggression gegen die Freiheitsrechte passenderweise aus Teilen der Bevölkerung selbst.

Diese gesellschaftlichen Gruppen bringen demokratisch gewählte Politiker an die Macht, gerade weil sie das Feindbild Medien schüren. US-Präsident Trump und Brasiliens Bolsonaro sind geographisch entfernte Beispiele, die FPÖ-Politiker in Österreich, die PIS-Funktionäre in Polen zwei aus der Nachbarschaft.

Es scheint, als führe die Möglichkeit, von der Freiheit Gebrauch zu machen – was mediale Meinungsvielfalt einschließt – bei den presseverachtenden Wutbürgern zur Unfähigkeit, diese tatsächlich zu nutzen. Vielleicht ist bei ihnen sogar der Wunsch vorhanden, die Qual der Wahl solle endlich verschwinden. Und ihre Zeugen, die Medien, gleich mit. Dann würden endlich eindeutige Verhältnisse herrschen und es gäbe nur eine Meinung: die richtige.

Dieser autoritär strukturierten Sehnsucht ist mit gutem journalistischen Handwerk allein nicht beizukommen. Dazu braucht es mehr. Den ideellen Überschuss. Leidenschaft! Weil Journalismus ein Lebensmittel für die Demokratie ist, die wir verteidigen müssen.  

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