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Beides – das Berichten und das Nicht-Berichten – ist folgenschwer.

Relevanz und Verantwortung

Vier Lehren, die Journalist*innen aus der Corona-Berichterstattung ziehen sollten

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Auch Journalistinnen und Journalisten haben in der Corona-Krise nicht immer alles richtig gemacht. Sie sollten daraus lernen. Eine medienethische Einschätzung.

Die Corona-Krise hat wieder bewusst gemacht, wie systemrelevant Informationsjournalismus für uns alle ist. Erst recht dann, wenn über Zugriffe auf unsere Grundrechte eine Pandemie bewältigt werden muss. Eine medienethische Einschätzung und ein Ausblick auf vier Lehren, die wir ziehen sollten.

Journalisten erbringen für einen gesunden gesellschaftlichen Diskurs eine vergleichbar bedeutsame Leistung wie Ärzte für den Erhalt der Volksgesundheit. Beide gelten als „systemrelevante“ Berufe einer Demokratie. Das rückt nun wieder ins Bewusstsein, nachdem lange Zeit teilweise sogar Journalistinnen und Journalisten oft nicht mehr so recht wussten, was genau ihr Auftrag ist.

Journalismus in Corona-Krise: Fakten prüfen und Mächtige kontrollieren

Journalisten müssen verantwortungsbewusst die systemisch zugewiesenen Funktionen erfüllen, um das demokratische und soziale Miteinander auch über die Krise hinaus in seinen Grundfesten zu bewahren. Ihr Auftrag zu informieren, zu kritisieren, Fakten zu prüfen, Mächtige zu kontrollieren, die Debatte zu organisieren, öffentlich relevante Themen zu publizieren, ist im Kern nicht verhandelbar.

Um diesen professionell zu erfüllen, richten sich Journalisten an einem ethischen Kompass aus. Er hält sie auf Kurs zwischen ihrer gesinnungsethischen Verpflichtung, Wichtiges zu publizieren, und ihrer verantwortungsethischen, daraus entstehende Folgen abzuwägen.

Journalistinnen und Journalisten stellen stellvertretend Fragen

Handlungspraktisch heißt dies vor allem: fragen. Journalistinnen und Journalisten stellen quasi stellvertretend für die Bevölkerung bedeutsame Fragen, auch kritische und unbequeme: Wer kontrolliert, wie angemessen die Maßnahmen sind, die Grundrechte wie Versammlungsfreiheit, Freizügigkeit und Datenschutz eingrenzen? Wie lassen sie sich zurücknehmen? Welche Kriterien legt man dafür an: wirtschaftliche Daten? Infizierte? Zu wessen Lasten gehen bestimmte Rückkehr-Strategien?

Gesinnungsethisch entscheidende Journalisten geben ihrer Pflicht zu publizieren das größere Gewicht, auch bei eher schwer verdaulichen Inhalten. Verantwortungsethisch Entscheidende neigen bei Themen, bei denen sie negative Reaktionen vermuten, dazu, sie nicht zu veröffentlichen.

Corona-Krise: Berichten oder nicht berichten - ein Dilemma

Beides – das Berichten und das Nicht-Berichten – ist folgenschwer. Es kann zum Dilemma werden. Zu Beginn der Corona-Krise haben viele Journalisten sich selbst auf ihre Informations- und Vermittlungsfunktion beschränkt und wenig hinterfragt.

Verantwortungsethisch könnte dahinterstecken, sich vor negativen Folgen (mehr Infizierte!) einer Kritik zu fürchten sowie zu dem positiven Effekt beitragen zu wollen, dass viele Menschen die Maßnahmen zur Sozialdistanz akzeptierten. Die gleiche Haltung kann der Allgemeinheit aber auch schaden. Etwa, wenn jetzt aus Rücksicht auf die Wirtschaft Vorschläge für eine rasche Rückkehr aus dem Lockdown nicht auf die Risiken (zweite Infektionswelle!) hinterfragt werden.

Journalismus während Corona-Pandemie: Unsicherheiten benennen

Fehlbarkeit ist der Kern jeder Wissenschaftslogik. Unsicherheiten zu benennen, ist ein Merkmal für (forschungs-)ethische Qualität und muss auch für Journalismus zur Routine werden. Zwei Ansatzpunkte sind zentral: Die Verpflichtung, wahrheitsgemäß zu berichten, heißt: berichten, was zu einem bestimmten Zeitpunkt belegbar (und später allenfalls revidierbar) ist.

Marlis Prinzing.

Die Verpflichtung, ausgewogen zu berichten, bedeutet nicht, einem Virologen einem fachfremden Mediziner und Verschwörungstheoretiker entgegenzustellen. Ausgewogenheit verlangt, zwei Personen miteinander zu konfrontieren, die zwar unterschiedliche Schlussfolgerungen präsentieren, sich aber jeweils auf geprüftes Wissen stützen.

Viele Medien tappten im Umgang mit den Virologen, die durch die Corona-Krise nun Dauergäste in diversen Medienkanälen sind, in die Heroisierungsfalle. Statt sie als aufklärende, streitbare Experten zu behandeln, die über ein aktuelles und brisantes Thema viel wussten, hoben sie sie auf einen Sockel.

Corona-Krise: Journalismus muss sich seiner Verantwortung bewusst sein

Den Mediziner Christian Drosten von der Berliner Charité nervte das so, dass er seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit androhte; irritierend war, wie einige Journalisten reagierten, die ihn zum „Bleiben“ bewegen wollten, quasi mit dem Kollegenappell, ihn zu schonen.

Viele Redaktionen haben in raffinierten Infografiken das Ausmaß der Pandemie-Krise vermessen und damit Zusammenhänge deutlich gemacht. Aber es gab auch Unnötiges und Fragwürdiges bis hin zu Darstellungen, die eher Wettkampfcharakter als Aussagekraft hatten.

Schlimmer, tödlicher, schneller, früher: Wann überholt Italien China? An welcher Stelle finden wir Deutschland? Ein sich seiner Verantwortung bewusster Journalismus prüft grafische Darstellungen auch darauf, ob sie relevant sind oder Spielerei, ob sie informieren und veranschaulichen oder verzerren beziehungsweise dramatisieren.

Marlis Prinzing ist Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule Macromedia in Köln.

Die Presse wird stärker geknebelt. Autoritäre Regierungen nutzen dafür auch die Corona-Krise. Der Journalismus muss die Herausforderung annehmen.

Verkehrsminister Andreas Scheuer verringert die Bußgelder für Raser und beweist einmal mehr: Ihm geht es um die Autolobby, nicht um die Sicherheit.

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