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Joko und Klaas haben mit den „Männerwelten“ ihre 15 Freiminuten bei ProSieben gut genutzt.

Joko und Klaas

„Männerwelten“: Wem das Video die Augen öffnet, hat Frauen bisher nie zugehört

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Joko und Klaas lenken mit ihrem Video Aufmerksamkeit auf das Thema sexualisierte Gewalt. Das ist gut, die Reaktionen zeigen aber, wie viel noch zu tun ist. Ein Kommentar.

Joko und Klaas haben mit ihrem Video „Männerwelten“ einen ziemlichen Hit gelandet. In dem Clip berichten Frauen über ihre Erlebnisse mit sexuellen Übergriffen, verbal wie physisch, im Internet und im realen Leben. Alle sind geschockt, finden es krass, der Clip wird wie wild im Netz geteilt. „Bemerkenswert“ sei das Video und der „Aufklärungswert“, den es bietet.

Soweit so gut und lobenswert. Aber die Reaktionen auf das Video machen auch wütend. Wir Frauen rufen, nein brüllen, seit Jahren in die Welt hinaus, wie wir behandelt werden, sei es im Netz oder im realen Leben. Wem Joko und Klaas mit ihrem Video die Augen öffnen konnten, der hat bisher einfach nie zugehört. Und diese Erkenntnis ist sehr frustrierend.

„Männerwelten“-Video von Joko und Klaas leistet einen wichtigen Beitrag

Das soll den Wert des Video nicht schmälern. Schön, wenn Männern die Augen geöffnet werden können. Joko und Klaas haben ihre 15 Freiminuten bei Pro Sieben gut genutzt, die Umstände sexualisierter Gewalt werden besonders von den Frauen am Ende des Clips, die von ihren Erlebnissen erzählen, stark präsentiert. Und es kann nicht genug Aufmerksamkeit für dieses Thema geben. Daher haben Joko und Klaas tatsächlich eine wichtigen Beitrag geleistet, der leider immer noch nötig ist.

Aber nichts daran ist neu oder unbekannte Information. Und nun wird so getan, als wäre das Thema nun das erste Mal irgendwo präsentiert worden und das Bewusstsein für sexualisierte Gewalt wäre nun erwacht. Die schockierten, überraschten Reaktionen fühlen sich für Frauen, die seit Jahren von ihren Erlebnissen berichten, sehr bitter an. Als wäre man unsichtbar gewesen, irrelevant. Viel zu lange wurde Gewalt gegen Frauen als ein privates Problem gesehen, über das in der Öffentlichkeit nicht gesprochen wurde.

Nur eine Woman of Colour, keine queeren Frauen, keine Trans-Frauen

Der Clip hat auch ein inhaltliches Problem: Nur eine Woman of Colour, keine queeren Frauen, keine Trans-Frauen. Dabei sind sie diejenigen, die am häufigsten mit sexualisierter Gewalt im Netz und im realen Leben konfrontiert werden. Joko und Klaas haben sich entschieden, diesen wichtigen Aspekt auszuklammern. Das führt dazu, dass der gesamte Komplex sexualisierte Gewalt nicht richtig dargestellt wird. Es kann nicht sein, dass mal wieder nur die sogenannte Mehrheitsgesellschaft eine Rolle spielt, weil das Thema für das Pro Sieben-Publikum so „verträglicher“ ist.

Was die Frauen im Video erzählen, ist alltäglich. Ja, das passiert wirklich täglich. Und viele der Taten finden im öffentlichen Raum statt. An Ampeln, in der S-Bahn, auf Partys. Auch die sexuell motivierten Hasskommentare, zum Beispiel auf Facebook, sind ja öffentlich zugänglich. Jeder hat das schon mal gesehen.

Es kann einfach keine schockierende neue Erkenntnis sein, dass Frauen immer und überall sexuell belästigt werden. Ihr Männer standet schon daneben. Ihr Männer habt das beobachtet. Die Männer, um die es in Joko und Klaas‘ Männerwelte n geht, dass seid auch ihr und eure Freunde.

Überprüft euer Verhalten - sprecht Freunde an

Es reicht einfach nicht, nun „Männer sind so scheiße“ zu twittern und normal weiterzumachen. Überprüft euer eigenes Verhalten. Sprecht eure Freunde an, wenn sie verbal sexuell übergriffig werden. Jemand sagt in feucht-fröhlicher Runde: „Die Kleine würde ich gern mal knallen“ – das ist euer Einstieg zu einem ernsten Gespräch. Ja, auch wenn das ganz uncool ist. Wenn ihr wirklich etwas ändern wollt, ist das der Weg.

Geht dazwischen, wenn mal wieder ein Kerl einer Frau in der S-Bahn unangemessen nah kommt. Auch wenn sich rausstellen sollte, dass ihr die Situation falsch wahrgenommen habt, ist es besser, einmal zu oft nachgefragt zu haben, als einmal zu wenig. Das gilt übrigens für Männer wie für Frauen.

Und vor allem: Sprecht Frauen in eurem Umfeld an. Was haben sie erlebt?

Macht die Augen, die Ohren und den Mund auf. Nur so kann es besser werden.

Von Sonja Thomaser

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