Gastbeitrag

Der einsame Weg in die Moderne: Joe Kaeser und das Dilemma der Industrie-Giganten

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Siemens-Chef Kaeser hat Fehler gemacht bei dem Kohleauftrag in Australien. Er sollte sie korrigieren. Der Gastbeitrag.

  • Joe Kaeser bittet Luisa Neubauer um Hilfe
  • Siemens-Chef unter Druck
  • Auftrag in Australien nicht annulliert

Es war ein Paar, wie es ungleicher nicht sein konnte. Die 22-jährige Klimaaktivistin Luisa Neubauer der Protestbewegung Fridays for Future und der 40 Jahre ältere Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender von Siemens.

Er hatte sie gebeten, über einen Auftrag in einem riesigen Kohlevorkommen in Australien zu reden. Klar, dass jedes Engagement für ein solches Projekt in der weltweiten Umweltszene sehr kritisch gesehen wird, und so hatte auch Fridays for Future schon Proteste angekündigt, jetzt kurz vor der Hauptversammlung.

Verständlich, dass Kaeser die Chancen ausloten wollte, den lauten Aufschrei zu mäßigen. Und der dürfte kräftig ausfallen durch die infernalen Waldbrände in Australien und nach dem vergangenen Waldbrandsommer in Kalifornien.

Siemens-Chef Joe Kaeser ist kein US-amerikanischer CEO, der das letzte Wort hat

„Es war ein angenehmes Gespräch“, kommentierte Kaeser später. Er hatte ihr angeboten, als externe Vertreterin in den Nachhaltigkeitsbeirat von Siemens und vielleicht sogar in den Aufsichtsrat des Bereichs Energie zu kommen, und hatte ihr wohl auch Hoffnungen gemacht, den Auftrag zu annullieren.

Aber Joe Kaeser ist kein US-amerikanischer CEO, der das letzte Wort hat. Er ist der Vorsitzende des Vorstandsgremiums und eine solche Annullierung musste mit seinen Kollegen abgestimmt werden. Die aber stimmten während einer sonntäglichen Telefonkonferenz nicht zu. Er kommentierte das trocken auf Twitter und schrieb dann – es war Sonntagnachmittag – einen dreiseitigen Brief, ein „Statement“, nur in Englisch, so als wollte er das hier in Deutschland Geschehene hinter sich lassen.

Ein solcher persönlicher Brief ist ungewöhnlich. Er wirkte mehr wie eine Rechtfertigung. Zunächst bedankte er sich für die unzähligen E-Mails und das Engagement in sozialen Medien und zeigte Mitgefühl für die vielen Leiden der australischen Bevölkerung durch die infernalen Waldbrände, nicht ohne zugleich deren Verstärkung durch den Klimawandel anzuzweifeln, vielleicht eine kleine Verbeugung zu den Kunden der Ölindustrie.

Und dann begründet er, warum der Rücktritt von einem solchen Auftrag eine gefährliche Botschaft an alle Geschäftspartner ist, denen gleiche Angriffe drohen könnten.

Peter H. Grassmann war lange der technische Vorstand im Bereich Medizintechnik bei Siemens. Er übernahm dann die Sanierung von Carl Zeiss in Oberkochen und Jena, zusammen mit Lothar Späth. Heute tritt er für eine verstärkte Werteorientierung der Marktwirtschaft ein und ist in zahlreichen Gremien, unter anderem im Beirat von Scientists for Future.

Denn Siemens hat nach einer Akquisition in den USA nun einen bedeutenden Öl- und Gasbereich. Eine Aufkündigung des australischen Auftrags würde jeden Kunden dort verunsichern. Kaum kann man auf der Webseite das Bild der großen Bohrinsel übersehen, mit dem für den Bereich geworben wird. Und dass insbesondere die Tiefseeexploration unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten genauso kritisch gesehen wird wie die Erschließung großer Kohlevorkommen, liegt auf der Hand.

Klar wird damit das Dilemma der etablierten Industriegiganten. Sie alle haben noch Geschäfte, denen man das Attribut „Nachhaltigkeit“ absprechen muss. Wie wichtig das aber wird, hat der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock in einem Brief an die Vorstände seiner Beteiligungen geschrieben. Nachhaltigkeit wird also mehr und mehr zu einem Leitmotiv der Aktionäre und Vermögensanlagen und damit zu einem wichtigen Teil des Geschäftsmodells.

Joe Kaeser konnte nicht anders

Natürlich sind diese Trends an Siemens nicht vorbeigegangen. Der Abschnitt Nachhaltigkeit der Webseite beginnt mit dem stolzen Statement „Nachhaltigkeit leben – im Interesse zukünftiger Generationen“. Dass dazu die Förderung von Kohle, Öl und Erdgas nicht passt, liegt auf der Hand.

Kaeser konnte also nicht anders. Das Geschäftsmodell von Siemens war noch keineswegs bereinigt von einer Unterstützung „fossiler“ Geschäfte. Zudem zeigte die Annahme des Auftrags, dass die Mahnungen zu Nachhaltigkeit die breite Führungsmannschaft erst mangelhaft erreicht hatte, trotz einer Komponente in den Bonusprogrammen.

Das dürfte auch Joe Kaeser nicht verborgen geblieben sein. Die Annahme des umstrittenen australischen Auftrags ist ja auch ein Versagen der internen Leitlinien und des Nachhaltigkeitsgremiums.

Die Ankündigung, dieses Gremium zukünftig mit externen Mitgliedern zu verstärken und ihm ein Vetorecht einzuräumen, ist revolutionär. Es führt zu einer internen Kontrolle der Werteorientierung des Unternehmens über die finanzielle Kontrolle hinaus. Dies durchzusetzen, wird allerdings nicht nur die Bereitschaft der Kollegen im Vorstand, sondern auch die des Aufsichtsrats erfordern.

Siemens-Chef Joe Kaeser hatte Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer einen Aufsichtsratsposten bei Siemens Energy angeboten. Die lehnte ab - und schoss damit ein Eigentor!

Rubriklistenbild: © afp

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