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„Kack die Wand an!“: Dschungelkönig Joey mit Freundin Jacky.
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„Kack die Wand an!“: Dschungelkönig Joey mit Freundin Jacky.

Kolumne

Und jetzt Narrhallamarsch!

  • Volker Heise
    VonVolker Heise
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Wir sehen Menschen zu, deren Träume zerplatzen, während sich das Publikum darüber lustig macht.

Wir sehen Menschen zu, deren Träume zerplatzen, während sich das Publikum darüber lustig macht.

Zuerst und ganz allgemein: Narrhallamarsch! Gut, das hätten wir hinter uns. Karneval ist für gebürtige Norddeutsche wie mich die so ziemlich unerträglichste Jahreszeit, noch hinter dem gefürchteten Monat der Düsternis, hinter November. Es liegt beileibe nicht an der fehlenden Reimfestigkeit: „Macht der Brüderle einen Scherz / Gibt es gewaltig Terz / ist er doch ein alter Mann / der zeigen will, was er nicht mehr kann.“ Nicht schlecht, was? Aber auch irgendwie herrenwitzig, oder?

Narrhallamarsch! Das Problem liegt natürlich tiefer. Bei der Abschlussbesprechung vom Dschungelcamp auf Spiegel Online zum Beispiel hat ein Kollege vermerkt, eine der Teilnehmerinnen könne jetzt viel verdienen, wenn sie sich für Herrenmagazine ausziehe. Für Olivia Jones habe sich dagegen in den Dschungel-Wochen der Marktwert auf St. Pauli wohl nicht erhöht. Marktwert? St. Pauli? Ausziehen? Hohoho: Schenkel klopfen, Herrenwitz, Narrhallamarsch. Alle werden reingelassen.

Überhaupt hat das Dschungelcamp dieses Jahr wieder gezeigt, dass es das kulturelle Äquivalent zum Hedgefonds ist – die einen nehmen den Leuten ihr Erspartes, die anderen ihre Würde. Gleichzeitig scheint es ein Freibrief für Kritiker zu werden, ihren Verstand zusammen mit ihrem Anstand über Bord zu werfen. Wer behauptet, die Sendung sei eine Resozialisierungsmaßnahme für C-Promis, hat sie entweder nicht alle an der Waffel oder sucht nach einer Ausrede für seinen Geschmack.

Es scheint die Übereinkunft zu herrschen, dass selber schuld sei, wer an solchen Veranstaltungen teilnimmt. Sind ja alles erwachsene Menschen. Aber das ist nur eine dieser Floskeln, mit der Betrüger hausieren gehen. Haben Sie das Kleingeschriebene nicht gelesen? Sie hätten wissen müssen, dass ihr Erspartes nicht für das Haus reicht! Und sollte mal gezickt werden: Stell dich nicht so an, Mädel. War doch nur Spaß. Hör mal: Narrhallamarsch.

Die Teilnehmer des Dschungelcamps hatten zumindest die Hoffnung auf einen Strohhalm. Auf die Möglichkeit, das zu bekommen, wonach sie sich sehnen oder was sie verloren haben: Aufmerksamkeit. Beachtung. Im Mittelpunkt stehen. Ein Privileg, das sonst den Reichen und den Mächtigen vorbehalten ist. Eine Sehnsucht, die RTL ausschlachten, aber nie überwältigen kann. Sie zieht sich als seltsame Traurigkeit durch jede Staffel. Wir sehen Menschen zu, deren Träume zerplatzen, während sich das Publikum darüber lustig macht.

Brüderle aber hat wirklich keine Gnade verdient. Wie er im Skandal steckt und unfähig ist, ein klares Wort zu fassen, mag fast schon bitter sein. Aber eben nur fast. Als Flaggschiff unterwegs im Bundestag für eine Partei, auf deren Fahnen Fortschritt steht, Emanzipation, Gleichberechtigung – und nun öffnet sich ein muffiges Hinterzimmer und heraus purzelt ein Mann von vorgestern.

Die meisten deutschen Karnevalsvereine wurden im Vormärz gegründet, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vor allem das Bürgertum fand Gefallen daran, die Obrigkeit zu verspotten. Damals entstand das Lied vom Kuckuck, der – Sim sala bim bam ba – vom jungen Jägersmann erschossen wird, aber im nächsten Jahr zurück ist, um wieder zu singen. Es ist ein Lied über die Freiheit, die sich nicht vertreiben lässt. Auch so eine Sehnsucht. Narrhallamarsch!

Volker Heise ist Filmemacher.

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