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Jenseits von Alltagszwängen

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Die Besetzung des Films "Frau Müller muss weg".
Die Besetzung des Films "Frau Müller muss weg". © obs

Schule stößt in Bereiche unserer Wirklichkeit vor, die uns sonst verborgen blieben. Diese Erweiterung des Horizonts kann man nicht im Ernst verwerflich finden.

Von Frank Olbert

In der Theaterkomödie „Frau Müller muss weg“ – die aktuell auch als Film in den Kinos läuft – fällt mehr als einmal das unschöne Wort „abkacken“. Damit meinen die alarmierten Eltern vordergründig, dass ihre Sprösslinge die Gymnasialempfehlung verpassen und, bewahre!, auf der Real- oder gar Hauptschule landen könnten. Eine schauerliche Vorstellung für die Mütter und Väter, hinter der allerdings mehr steckt als die Angst vor einer verpatzten Schullaufbahn. Wer in Mathe, Deutsch oder Bio versagt, so die Logik vieler Eltern (und Schüler) nicht nur auf der Theaterbühne, sondern im wirklichen Leben, der bringt es auch später im Beruf zu nichts. Die Schule als Modell und Labor der Leistungsgesellschaft, diese Vorstellung steckt dementsprechend hinter der deftigen Redewendung vom „Abkacken“.

Ein Weg aus dem Gehäuse reiner Funktion und Nützlichkeit

Das humanistische Ideal, nach dem sich unsere Bildungsinstitutionen nicht ausschließlich, aber noch immer großteils richten, hat anderes mit unseren Kindern im Sinn. 1810, als es zum Leben erweckt wurde, gab es ganze drei akademische Berufe: Mediziner, Juristen, Theologen; darüberhinaus setzte sich die Gesellschaft aus Bauern und Handwerkern zusammen. Eine festgefügte, zweckgebundene Welt, gegen die der Humanismus aus gutem Grund rebellierte. Bildung ist seither ein Wert an sich, ein Weg hinaus aus dem Gehäuse reiner Funktion und Nützlichkeit.

Nun hat eine Kölner Gymnasiastin mit einer Twitter-Nachricht Furore gemacht, in der sie das althergebrachte humanistische Bildungsideal mit erfrischender Offenheit infrage stellt. Sie könne Gedichte analysieren, aber keine Steuererklärung abfassen, sie beherrsche vier Sprachen, aber nicht das ABC eines Mietvertrags. Darauf läuft ihre Kritik am deutschen Schulsystem hinaus, die man so verallgemeinern könnte: Unsere Bildung ist weltfremd – was wir brauchen, ist mehr Praxisbezug.

Wie die Eltern in „Frau Müller muss weg“ wünscht sich auch Naina, die Gymnasiastin, in ihrem Tweet mehr konkrete Nähe zwischen Schule und Alltag. Vielleicht hat sie keine Angst vorm „Abkacken“, aber mit dem wirklichen Leben zurechtzukommen, für diese Aufgabe fühlt sie sich von der Schule offensichtlich schlecht gewappnet. Und hat sie nicht recht? Wer von uns brächte heute noch eine Kurvendiskussion zustande? Was hat es uns gebracht, dass wir um die Existenz des Pantoffeltierchens wissen? Und haben wir die lateinische Grammatik nicht in dem Augenblick vollständig und gründlich vergessen, in dem wir unser Abitur in der Tasche hatten? Was also bringt all die Bildung, die gymnasial vermittelte zumal, wenn wir sie im späteren Leben nie wieder brauchen? Frau Müller mit ihrem humanistischen Bildungsgehuber muss weg, mehr gesunder Menschenverstand soll auf den Lehrplan!

Aber den haben wir ja hoffentlich ohnehin, diesen gesunden Menschenverstand, wie der Name schon sagt: Einen Mietvertrag auszufüllen und zuvor kritisch zu prüfen, dies lernen wir in dem Moment, in dem wir eine Wohnung mieten wollen; und vom Versicherungsvertreter lassen wir uns schon deshalb nicht beschwatzen, weil uns die Schule neben allem anderen auch beigebracht hat, zweimal nachzufragen. Wer aber wird in seinem Leben jemals wieder ein Gedicht interpretieren und dabei die Möglichkeiten und vielleicht auch die Schönheit der Sprache studieren? Wer hört einer Bach-Kantate noch einmal so zu, wie er es im Musikunterricht getan hat, um sie auf ihre Gesetzmäßigkeit abzuhorchen? Und, ja, wann macht es noch einmal „klick“ wie in der Mathestunde, wenn man plötzlich eine Gleichung versteht?

Die Erweiterung des Horizonts

Das ist gewiss eine Idealisierung der Schule, aber so sollte sie doch sein – ein Raum der Freiheit und der Erkundung von Dingen, von denen man unter Umständen zum letzten Mal erfährt. Zwänge, Routine, Alltag, Verträge, all das wird sich später im Berufsleben noch häufen. Da darf man sich glücklich schätzen, wenn die Schule durchaus auch mit wissenschaftlichem Ehrgeiz in Bereiche unserer Wirklichkeit vorstößt, die uns sonst verborgen blieben. Die Erweiterung des Horizonts kann man nicht im Ernst verwerflich finden.

Kein Zweifel, die Schule ist nicht besser oder schlechter als die Gesellschaft, die sie hervorbringt. Schon deshalb muss man sie durchaus im Sinne eines Ideals vor all jenen in Schutz nehmen, die ihr überall Fesseln anlegen wollen: vor Eltern, für die das Maß aller Dinge die Noten sind; vor Lehrern, die in Langeweile erstarren – aber auch vor Bildungspolitikern, die vorneheraus das humanistische „ganzheitliche“ Bildungsideal predigen, klammheimlich aber via Turbo-Abi und andere Rationalisierungsmaßnahmen an dessen Abschaffung arbeiten.

Gerade der Humanismus hat in Europa für eine ungeheure Verbreiterung der Bildungsbasis gesorgt, für eine ungeahnte Dynamik, welche die gesamte Kultur und Gesellschaft erfasst hat. Dieser Freiheit des Denkens folgt unweigerlich – auch ökonomisch – ein besseres, souveräneres Leben. Man sollte es nicht vorschnell den kleinlichen Zwängen des Alltags ausliefern.

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