Kolumne

Jens winkt weinend im Rückspiegel

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Wenn sich heute eine Geschichte über eine arme Haut genauso anhört wie vor 30 Jahren: Wer alles hat da was, wann und wo versäumt?

Eigentlich mal wieder eine dieser Geschichten, die kein Mensch braucht, dachte ich vergangenen Samstag beim Lesen einer Reportage im neuen „Spiegel“. Der Text ging über Lübtheen, ein Kaff in Mecklenburg, und er strotzte nur so vor Klischees.

Die Zutaten für einen Kessel Armseliges aus dem Nordosten sind immer die gleichen. Eine arme Haut, in diesem Falle heißt sie Heiko, ein tiefergelegter Golf GTI, ein grauer Himmel, eine Tankstelle, ein Imbiss „Alladin“, eine brennende Tonne, viele Männer und eine Gabi, und außerdem die letzte Bockwurst und viel Bier. Natürlich passiert über fünf lange Seiten nichts außer sinnlos umherfahren, Billigfleisch grillen, Nazikrempel sammeln, Selbstgestopfte rauchen und sich in Selbstmitleid verschmoddern.

Ach Kinners, lasst euch doch mal was Neues einfallen, dachte ich mir nach ein paar Zeilen – und las dennoch gebannt weiter. Cathrin Schmiegel, die Autorin, hat diesen kleinen großen Abriss nämlich wirklich gut geschrieben. Ihr gelang ein kurzweiliges Wechselspiel zwischen kargen Fakten, knappen Dialogen und klugen Beobachtungen.

Denn obwohl man sich eigentlich zum Verfassen eines solchen Textes über einen solchen Ort nur der üblichen Klischees bedienen und sich gar nicht erst vor Ort begeben müsste, war Schmiegel dort, hat aufmerksam hingeschaut und das Gesehene sensibel beschrieben.

Und je weiter ich las, umso mehr stieg eine Ahnung in mir auf, warum ich plötzlich so eine lebhafte Neugier auf dieses Sterbenslangweilige verspürte. Knapp drei Jahrzehnte ist es nämlich her, dass ich selbst eine solche Geschichte geschrieben hatte.

Nicht in Lübtheen, sondern in Chemnitz, nicht für den „Spiegel“, sondern für das „Zeit-Magazin“ – aber die Ingredienzien waren schon damals fast exakt die gleichen. Nur ein Golf GTI fand nicht statt, denn die Protagonisten waren erst zwölf, dreizehn Jahre alt.

Acht Tage hatte ich mit einem Rudel glatzköpfiger Halbwüchsiger verbracht. War in ihrer Schule, in ihrem Jugendclub, bei ihnen zu Hause oder auch bei ihrem Stammimbiss, wo sie nachts Hakenkreuze ans Schaufenster schmierten und tags drauf einen Döner aßen.

Und ich war dabei, wenn sie „Fidschis klatschen“ gingen, also mit den Baseballschlägern loszogen, um Vietnamesen zu verdreschen, und konnte sie davon abhalten. Ansonsten soffen sie Süßwein, schwänzten die Schule und faselten vom Führer.

Die von damals könnten die von heute sein, nur dreißig Jahre älter. Aber wie konnte es geschehen, dass sich so gar nichts verändert hat? Wer alles hat da was, wann und wo versäumt, womöglich wissentlich?

Die arme Haut in meiner Geschichte hieß Jens, ein kleiner verschmitzter Kerl mit großer Angst vor einer ihm verwehrten Zukunft. Als ich mich auf den Heimweg machte, stand Jens neben meinem Auto und heulte. „Kannst Du mich nicht mitnehmen nach Frankfurt“, schluchzte er. „Du kennst dort doch sicher Leute, die eine Lehrstelle für mich haben.“

Ich schüttelte den Kopf, sagte „nein Jens, das geht nicht, und das weißt Du“, druckste noch irgendwelche unbeholfenen Schwachsinnsausfluchtswünsche und fuhr davon.

Im Rückspiegel sah ich Jens noch lange weinend winken. Manchmal sehe ich ihn noch heute da stehen. Zum Beispiel beim Lesen des Textes der Kollegin Schmiegel.

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