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Gesundheitsminister Jens Spahn bekommt 5 Millionen Euro für eine Langzeitstudie, die die seelischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen untersuchen soll.

Abtreibung

5 Millionen Euro für Spahns Abtreibungs-Populismus

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Fünf Millionen Euro, um Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen zu untersuchen? Das Geld wäre in Aufklärung besser investiert. Die Kolumne. 

Für Gesundheitsminister Jens Spahn muss sich der 6. Februar angefühlt haben wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Wie am Schnürchen lief es für alle reaktionär Konservativen, die wohl damit rechnen dürfen, dass der Abtreibungsparagraf 219a auch 2019 nicht gestrichen wird. Damit folgt das Bundeskabinett einer Tradition von 1935, als seinerzeit die Nationalsozialisten den 219er aufgrund einer „Erkenntnis der Wichtigkeit des Nachwuchses“ (§§ 219, 220 RStGB, 1935) eingeführt hatten. Und somit den Weg ebneten, die Information über die Möglichkeiten zur gefahrfreien Abtreibung aus ideologischen Gründen bewusst mit Werbung gleichzusetzen und zu kriminalisieren.

Bereits im Vorfeld hatte Spahn hoffnungslos am Thema vorbeiargumentiert, als er „das Leben von Tieren“, das die linksversifften Emanzenweiber scheint’s stets zu schützen bestrebt seien, mit dem Akt gleichsetzte, „jetzt für Abtreibungen werben (zu) wollen“. Dabei gehe es doch um „ungeborenes menschliches Leben“, wobei Spahn selbst wissen dürfte, dass es genau darum nicht geht.

Es geht nämlich ums geborene Leben, respektive um das Selbstverständnis der Frau und um den „unwürdigen Eingriff in die allerintimste Privatangelegenheit eines Weibes“, wie die Frauenrechtlerin Gertrud Bülow von Dennewitz bereits 1904 formulierte. Aber darin haben die Herren und nicht wenige Damen ohnehin keine Aktien, doch hätte das Bundeskabinett diese jahrhundertealte Erkenntnis nicht noch mit einem fünf Millionen Euro teuren Akt unterstreichen müssen. Als Zuckerl nämlich bekommt Spahns Gesundheitsministerium diesen Betrag für eine Langzeitstudie, um die seelischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen zu untersuchen.

Reaktivierung der Abtreibungsdiskussion

Das Geld wäre in Aufklärung und leicht zugängliche Verhütungsmittel besser angelegt, doch passt das nicht ganz ins reaktionäre Weiblichkeitsmodell, das maßgeblich zur Arterhaltung vorgezeichnet ist. Die psychische Belastung muss hier noch einmal in den Fokus gerückt werden, ganz so, als wüsste die Betroffene nicht selbst, was eine Abtreibung mit ihr macht.

Insofern sind die fünf Millionen Euro reiner Populismus, der eine Reaktivierung der Abtreibungsdiskussion und den entsprechenden Rollback mit freundlicher Unterstützung der SPD befeuert. Das sehen konservative Leitmedien wie „Die Welt“ eigenlogisch anders, auch wenn deren Argumentation etwas dünn daherkommt: „Man kann sich fragen, warum es in Deutschland bei mehr als 100 000 Abtreibungen pro Jahr offenbar keine entsprechende Studie gibt und ob es nicht vernünftig wäre, zehn oder 20 Millionen in die Antwort auf die Frage nach dem Leid der Frauen zu investieren.“

Ach, es gibt also keine entsprechenden Studien? Darf ich nachhelfen? „Abtreibung. Diskurse und Tendenzen“ (U. Busch und D. Hahn, Hrsg.), „Psychologische Folgen des Schwangerschaftabbruchs“ (M. Knopf, E. Mayer, E. Meyer), um nur zwei zu nennen.

Es spricht nichts dagegen, im Thema zu bleiben, doch schiebt Spahns Studienprojekt die Diskussion weg von der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, die eigentlich die Selbstbestimmung der Frau zu gewährleisten hat. Stattdessen wird ihre Entscheidung öffentlichkeitswirksam und vorauseilend mal wieder pathologisiert. Es scheint, als habe Spahn es auf Wählerstimmen der AfD-Volkskörperbeauftragten abgesehen. Besser macht es das nicht.

#WasFürnSpahn: 5 Millionen Euro für Hilfe statt Hass

Eine Petition auf change.org fordert Jens Spahn auf, die fünf Millionen Euro „für etwas Sinnvolles auszugeben“. „Fünf Millionen für Hilfe statt Hass“, schreibt die Initiatorin. Ihre Vorschläge: Man könnte das Geld beispielsweise für die Ausbildung von FrauenärztInnen, Hebammen, Pflegekräfte und Geburtshilfe, für Opfer von sexueller Gewalt und Missbrauch und viele andere Themen sinnvoll ausgeben. Mehr als 40.000 Personen haben die Petition bereits unterzeichnet.

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