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Es ist schwierig, die Schulen im Jemen offenzuhalten.

Jemen

Unerträgliche Lage im Jemen: Lasst die Menschen nicht verhungern

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Die UN dürfen die Hilfen für das Land im Krieg nicht kürzen. Sie sind nötig, um die Menschen zu unterstützen. Der Gastbeitrag von UNDP-Chef Achim Steiner.

Die Lage im Jemen ist katastrophal. Sie könnte noch schlimmer werden. Die jüngste Eskalation im Süden des Landes verheißt nichts Gutes. Ich war vor Kurzem dort. Das Wirtschaftsleben ist nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Straßen, Schulen, Häuser sind zerstört, die Landwirtschaft liegt am Boden. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich in den vier Jahren seit Ausbruch des Krieges halbiert. Der blutige Konflikt hat das Land in seiner Entwicklung um 20 Jahre zurückgeworfen – das entspricht fast einer Menschengeneration.

Die Vereinten Nationen (UN) erachten Jemen derzeit als die schlimmste humanitäre Krise überhaupt. 80 Prozent der Bevölkerung oder gut 23 Millionen Menschen sind auf Hilfe von außen angewiesen. Ohne diese Hilfe müssten sie verhungern oder wegen des Mangels an Medikamenten an vermeidbaren Krankheiten sterben. Eine große Cholera-Epidemie hat das Land schon hinter sich; sie konnte eingedämmt werden. Es droht eine weitere. Die Lage in Jemen lässt sich mit einem einzigen Wort beschreiben: Unerträglich.

Konflikt im Jemen: Weniger Aufmerksamkeit als Syrien oder Libyen

Und doch gibt es auch Zeichen der Hoffnung. In Sanaa, im Norden des Landes, habe ich eine Rektorin getroffen, die ihre Schule für Tausende von Kindern offenhält, obwohl die Lehrer seit Monaten kein Gehalt bekommen. Und im Süden, in Aden, habe ich Ingenieure kennengelernt, die das Wasser- und Abwassersystem reparieren, um die Gefahr übertragbarer Krankheiten zu bannen.

Achim Steiner leitet das des UN-Entwicklungsprogramms UNDP und der höchste Repräsentant Deutschlands bei den Vereinten Nationen.

Ich könnte noch mehr solcher Geschichten erzählen: Es gibt trotz allen Leids einen großen Willen, der Krise zu trotzen. Viele auch gut ausgebildete Jemeniten, bleiben im Land, obwohl sie sich woanders eine Existenz aufbauen könnten. Sie wollen die Vorstellung nicht aufgeben, dass ihr Land Frieden finden und dann auch wieder Fortschritte machen kann. Dabei brauchen sie Unterstützung.

Tatsächlich aber fällt der Konflikt im Jemen hinter anderen großen Krisenherden wie Syrien und Libyen in der internationalen Aufmerksamkeit zurück. Und das zu Unrecht. Denn in diesem Stellvertreterkrieg, an dem unter anderem der Iran und Saudi-Arabien beteiligt sind, finden wir alle Zutaten, die typisch sind für komplexe Krisensituationen und weit über die Staatsgrenzen hinaus wirken können: Zusammenbruch der Staatlichkeit, wirtschaftlicher Kollaps, Hunger, ansteckende Krankheiten, Binnenvertriebene, Flüchtlinge, Rückzugsgebiete für Terroristen. Einen weiteren Staat, der dieses Etikett nicht mehr verdient, kann sich die internationale Gemeinschaft nicht leisten.

Den Jemen nicht vergessen

Umso wichtiger ist es, den Jemen nicht zu vergessen. Konkret bedeutet das dreierlei: Die Verhandlungen unter Ägide der UN unermüdlich weiterzuführen, so schwer sie auch sein mögen. Das Stockholm-Abkommen vom vergangenen Dezember bildet dafür einen wichtigen Anfang. Am Ende braucht das Land einen tragfähigen Frieden, den alle Konfliktparteien mittragen müssen. Zweitens muss die humanitäre Unterstützung fortgesetzt werden. Es wäre fatal, das Engagement runterzufahren, etwa mangels weiterer finanzieller Mittel.

Und drittens sind schon mitten in der Krise Entwicklungsansätze nötig. Humanitäre Hilfe jetzt, Entwicklung später – dieser Grundsatz funktioniert nicht. Das haben wir in vielen Konflikten studieren können. Sondern es braucht zugleich spürbare Erleichterungen, die über die unmittelbare Hilfe hinausgehen.

Das stärkt die positiven Kräfte in einer Gesellschaft, die für ein dauerhaftes Ende der Gewalt unerlässlich sind. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) arbeitet in verschiedenen Projekten und Programmen im Land bereits in diese Richtung. Sie reichen von der Wasserversorgung über die Landwirtschaft und Bildung bis zum Straßenbau. Einfach ist das häufig nicht, wie das Beispiel des Hafens von Hodeidah zeigt.

Er bildet eine wichtige Lebensader des Landes: Ein Großteil aller Importe und auch der humanitären Güter kommt über diesen Hafen ins Land. Durch die Kämpfe ist er allerdings schwer beschädigt. Ich war dort und habe gesehen, wie die wenigen Schiffe, die überhaupt nach Hodeidah kommen, von Hand entladen werden müssen. Die UN versuchen derzeit unter Hochdruck, den Hafen wieder instand zu setzen. Gleichzeitig steht die Stadt immer noch unter Beschuss, das heißt, die Arbeit muss in einer Hochgefahrenzone erledigt werden.

Für unsere Tätigkeit unter schwierigen Bedingungen erwarten wir kein Lob. Das ist unser Job. Viel entscheidender wäre, dass die internationale Gemeinschaft den Konflikt als das anerkennt, was er ist: eine humanitäre Katastrophe erster Ordnung und ein gefährlicher Brandherd in einer ohnehin instabilen Region. Und dass sie konsequent dem Dreiklang folgt: verhandeln, helfen, entwickeln.

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