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Auf dem Pausenhof ist wichtig, was man anzieht. Oder?

Contra Schuluniform

Jedes Outfit ist ein Code

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Ein etwaiger Nutzen von einheitlicher Kleidung im Unterricht ist nicht erwiesen. Ein Plädoyer gegen die Schuluniform.

Das Schülerleben könnte so schön sein: kein Mobbing mehr, weil Hose oder Pulli von der Billig-Marke sind. Mehr Teamgeist und Identifikation mit der Schule, infolgedessen weniger Vandalismus. Und auch weniger Selbstinszenierung und eitle Oberflächlichkeit, dafür mehr Konzentration auf das Wesentliche, Disziplin und Pflichtbewusstsein. Das alles und noch viel mehr verspricht die Schuluniform, wenn man ihren Befürwortern glauben mag. Und belegen das nicht auch Studien beispielsweise aus den USA, wo schon seit Ende der 80er Jahre immer mehr Schulen, vor allem an sozialen Brennpunkten, auf Schulkleidung setzen oder zumindest auf einen strengen Dresscode?

Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Tatsächlich ist aber nicht erwiesen, dass das Entstehen eines guten „school spirit“ ursächlich auf die segensreiche Wirkung von Schuluniformen zurückgeführt werden kann. Oder ob ihn Kleidervorschriften nicht eher flankieren. Und wer hat erforscht, in welchem Maße der obligatorische Einheitslook – vor allem in vielen Privatschulen – den ohnehin hohen Konformitätsdruck auf junge Menschen erhöht? Oder den Puritanismus stärkt, der die amerikanische Gesellschaft prägt? Und ob optische Gleichheit soziale Ungleichheit nicht sogar zementiert, indem sie sie kaschiert?

Solche Fragen beantwortet der flüchtige Blick in die USA oder nach Großbritannien nicht. Und auch die Heilserwartung, die hierzulande manche mit der Schuluniform verbinden, sollte uns eher misstrauisch machen. Sie entsteht aus dem fürsorglichen Wunsch, Kinder vor der Grausamkeit anderer Kinder zu schützen. Der ist nachvollziehbar. Es ist aber illusorisch zu glauben, gleiche Hose und gleicher Pulli könnten Markenwahn und Mobbing aus der Welt schaffen. Das würde nicht einmal gelingen, wenn man in der Schule auch die Michael-Kors-Tasche oder das jüngste iPhone-Modell verböte – was natürlich niemand fordert.

Wo in einer Schule Gemeinschaftsgefühl und Solidarität mit Mitschülern aus einkommensschwachen Familien fehlen, lassen sie sich nicht via Outfit herstellen. Schuluniformen werden sogar kontraproduktiv, wenn sie die soziale Distinktion in einen größeren gesellschaftlichen Raum verlagern: So etwa wenn Privatschüler mit teuren Kaschmir-Pullis samt Schulemblem ihre Zugehörigkeit zu einer Bildungselite zur Schau stellen können und andere nicht.

Schule wird zu einem guten Lernort, wenn Schüler und Lehrer ein starkes Wir-Gefühl jenseits sozialer Unterschiede entwickeln. Das hat mit gegenseitiger Wertschätzung zu tun und mit Respekt – auch und gerade für das Anders-Sein des Anderen. Ein Ausdruck dafür ist die Kleidung (die manchmal eine Verkleidung ist), ein Piercing, Tattoos, grüne Haare oder was auch immer. Jedes Outfit, auch die teure Markenjeans, ist ein kommunikativer Code. Ihn gemeinsam zu entschlüsseln, ist spannender und sinnvoller, als Heranwachsende ästhetisch zu gängeln.

Der Ruf nach Schulkleidung ist im besten Fall ein gut gemeinter Appell für mehr Gemeinsinn. Aber geben wir uns nicht mit Symbolpolitik zufrieden: Mit einem Einheitsdress lässt sich leicht eine gute Schulgemeinschaft vorgaukeln, die aber vielerorts erst noch herzustellen wäre. Und leider ist Symbolpolitik meistens eine Ersatzhandlung, ein Alibi fürs Nichtstun, die wir uns - vor allem an Brennpunkten - nicht leisten können und dürfen.

 

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