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Kolumne

Jede Wette zählt

  • VonKarl-Heinz Karisch
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Umverteilung von unten nach oben? Klappt prima – jedenfalls an Spielautomaten. Von dort fließt die Sozialhilfe und Hartz IV flugs zurück in den Bundessäckel.

Kennen Sie den? Jankele ist verzweifelt und betet inbrünstig: „Lieber Gott, bitte lass mich im Lotto gewinnen.“ So geht das, Woche für Woche. „Lieber Gott, bitte, bitte lass mich im Lotto gewinnen.“ Plötzlich bildet sich über Jankele eine dunkle Wolke, Blitze zucken und eine donnernde Stimme spricht: „Dann spiel endlich!“

Es soll angeblich ein jüdischer Witz sein, aber ich vermute eher, der deutsche Lottoblock oder die Glücksspielindustrie stecken dahinter. Denn der Aufenthalt im Wartesaal zum großen Glück ist ein Milliardengeschäft. Vom kleinkriminellen Hütchenspieler bis zur glamourösen Spielbank sind viele eifrigst dabei, den Leuten ihre letzten Kröten aus der Tasche zu ziehen. Top aufgestellt in diesem Deal ist der Staat, der die Hälfte der Einnahmen abkassiert – rund fünf Milliarden Euro pro Jahr.

Es sind vor allem arbeitslose junge Männer und solche mit Migrationshintergrund, die ihr Geld an Automaten verdaddeln. Jeder vierte von ihnen spielt, einer von zehn mit krankhaftem Suchtverhalten. So fließen die Ausgaben für Sozialhilfe und Hartz IV flugs zurück in den Bundessäckel. Die schützende Hand der Freidemokraten über der Spielautomatenindustrie ist seit der letzten Wahl glücklicherweise weg. Auch Bundeswirtschaftsminister Gabriel hat gerade verkündet, er wolle eine von den Ländern seit langem geforderte Verschärfung der Regelungen zum Glückspiel umsetzen. Das dauert, klar, deshalb dürfen die Automaten noch bis in den Herbst munter weitergefüttert werden. Samt der besonders bösartigen Umrechnung in Punkte, die den Spielsüchtigen vergessen lassen, dass da echtes Geld im Automatenschlitz verschwindet.

Spielen und Breitensport fördern

Andererseits muss man bedenken, jeder Spieler engagiert sich fürs Gemeinwohl. Rund 20 Prozent der Einnahmen aus Spielereinsätzen fließen in die Förderung des Breitensports, unterstützen Museen und die Denkmalpflege, Kunst und Kulturprojekte. Geldwäsche mit Gütesiegel. Die Sucht der einen wird für die Gesundheit und Bildung der anderen genutzt. Ganz schön clever, Vater Staat. Nutznießer der Party sind Sie und ich. Ein Glück, dass die jungen Männer mit problematischem Spielerverhalten gerade wieder am Automaten sitzen und keinen Nerv haben und keine Zeit, meine Kolumne zu lesen. Sonst würde sie noch auf den törichten Gedanken kommen, aufzuhören. Eine gewaltige Umverteilung von denen da unten zu den besser ausgebildeten und wohlhabenderen Schichten hat die Max-Planck-Gesellschaft in einer Studie festgestellt. Im Forscherdeutsch eine „Form der regressiven Abgabenbelastung“. Und weil die so rasant steigt, hat der Herr Gabriel jetzt die Notbremse angekündigt. Aber bis die zieht, kann noch viel passieren, oder nichts.

Dabei fällt mir ein, dass ich gerade mit meinem 2:2-Tipp Wettsieger in unserer Kneipenrunde geworden bin. Dafür bekam ich von den anderen einen Obstler spendiert, ganz ohne Einsatz und ohne Risiko. Na ja, das war schlicht das einzige Ergebnis, das noch keiner getippt hatte. Mit den Kolleginnen und Kollegen auf der Arbeit spiele ich natürlich auch. Als gestern Abend das Spiel gegen die USA lief, waren diese Zeilen schon längst in der Redaktion abgeliefert. Die Fußball-WM ist ja auch so eine Art Glücksspiel, weshalb die Experten mit ihren Tipps oft gnadenlos daneben liegen. Nein, ich gebe keinen Tipp ab, jedenfalls nicht an dieser Stelle. Spielerehre.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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