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Kanzlerkandidat Martin Schulz ist krachend gescheitert.

Sozialdemokratie

Der jammernde Schulz als Sinnbild der SPD

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Ein krachend gescheiterter Martin Schulz und ansonsten alles wie in einer TV-Serie, die keiner mehr will: Bei den Sozialdemokraten muss alles neu werden. Der Leitartikel.

Mal angenommen, eine lange erfolgreiche Fernsehserie rutscht ins Quotentief. Die Sendung, die früher viele schauten und über die fast alle sprachen, interessiert kaum noch wen. Was also wird hinter den Kulissen passieren? Ist es nicht logisch, fast schon zwangsläufig, dass auch diskutiert wird, ob ein rascher Wechsel des Hauptdarstellers die Rettung bringen könnte?

Die SPD befindet sich nach ihrer eklatanten Wahlniederlage in einer existenziellen Krise. Martin Schulz ist als Parteichef ihr Drehbuchschreiber, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person. Er wurde allerdings von Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidat so spät ins Spiel gebracht, dass er zum Schreiben eines guten Drehbuchs keine Zeit hatte. Er ist im Wahlkampf dann nicht unbedingt fortwährend mit genialen Regieeinfällen aufgefallen. Und als Hauptdarsteller hat er am Ende nur die erreicht, die sich sowieso für die SPD entschieden hätten.

Martin Schulz kämpft ums Überleben

Schulz kämpft um sein politisches Überleben. Der SPD-Chef könnte davon profitieren, wenn Stephan Weil nächsten Sonntag die Landtagswahl in Niedersachsen gewinnt. Das Rennen dort ist offen. Weil hat in den Umfragen einen großen Rückstand aufgeholt. Mögliche Konkurrenten von Schulz um den Parteivorsitz zögern ohnehin aus unterschiedlichen Gründen: Olaf Scholz ist nach dem G20-Chaos noch angeschlagen. Manuela Schwesig weiß, dass sie in zwei Jahren bessere Chancen als jetzt hat.

Dass mit Andrea Nahles zum ersten Mal in der SPD eine Frau Chefin der Bundestagsfraktion geworden ist, war überfällig –. willkommen im 21. Jahrhundert! Damit ist Nahles eine mögliche Kanzlerkandidatin fürs nächste Mal. Sie muss erst zeigen, welche Impulse sie liefern kann und wie sie in der neuen Rolle öffentlich ankommt. Deshalb wäre es strategisch günstig, wenn auch der Parteichef jemand wäre, den man sich als nächsten Spitzenkandidaten vorstellen kann.

Chaos bei G20

Bei Schulz ist das extrem schwierig – und das nicht mal nur, weil er in vier Jahren bereits 65 sein wird. Zu vernichtend war seine Niederlage, zu groß seine Hilflosigkeit im Kampf gegen den freien Fall in den Umfragen. Dass er sich für eine „Spiegel“-Geschichte monatelang dabei beobachten ließ, wie er der Niederlage entgegenjammerte, verstärkt diesen Eindruck. Die Verzweiflung mag menschlich verständlich gewesen sein, kanzlertauglich wirkt sie nicht. Mit solchen Einblicken ist es wie mit Nacktbildern, die ein Schauspieler von sich machen lässt: Sie tauchen noch Jahre später im Internet auf.

Doch noch wichtiger als die Führungsfrage ist die, ob es diesmal – anders als 2005 oder 2009 – wirklich zu einer schonungslosen Analyse der Niederlage kommt. Dabei geht es um Grundsätzliches wie um die eigene Vermarktung. Warum schneidet die SPD bei Arbeitern so mäßig ab? Wieso gelingt es ihr zugleich kaum, außerhalb ihrer Kernwählerschaft zu punkten? Wie war es möglich, dass auf ihren Plakaten die unpolitische Bildsprache von Zahnpasta-Werbung mit Ansagen verbunden wurden, die nach Gremienarbeit der 80er Jahre klangen? Vielleicht sollte jemand aus der SPD-Spitze mal ein Praktikum beim Verpackungskünstler Christian Lindner machen.

Praktikum bei FDP-Mann Lindner?

Eine so schmerzhafte wie wichtige Frage ist auch, warum die SPD Teile ihrer früheren Klientel an die AfD verloren hat – und wie sie die zurückholen kann. Die Lösung kann nicht sein, plump auf Forderungen der AfD einzuschwenken. Aber die Sozialdemokraten müssen für Menschen, die ihnen früher zuneigten, wieder eine Ansprache finden. Nichts ist so ehrenwert in der Demokratie wie die Aufgabe, Protestwähler wieder in die konstruktive Debatte zu holen. Dass Schulz in seinen Reden die SPD zum Bollwerk gegen Rechtsradikale stilisiert, ist gut für die Seele der geschundenen Partei. Nur: Es löst keine Probleme.

 

Eine Hoffnung für die SPD ist, dass im Jubel um die Schulz-Kandidatur Tausende junge Menschen in die Partei eintraten. Doch auch in der Partei geben viele zu: Es braucht oft ein gehöriges Maß an Masochismus, um mehr als einmal zur Sitzung eines Ortsvereins zu kommen. Es regieren in vielen Fällen Formalien. Nicht jeder, der seit 20 Jahren dabei ist, freut sich über Neue, die mitreden wollen. Die junge Basis-Initiative „SPD++“ hat kluge Vorschläge für neue Formen der Themen-Mitarbeit, auch via Internet, und für eine Jugendquote gemacht. Die SPD muss sich ändern. Sonst sind die Jungen schnell wieder weg.

Was hat Bobby Ewing mit der SPD zu tun?

Als „Dallas“ dereinst in der Quotengunst abrutschte, holten die TV-Macher die beliebte Figur Bobby Ewing zurück. Obwohl die Figur bereits den Serientod gestorben war, stand sie auf einmal wieder unter der Dusche. Was vorher passiert war, wurde zum Albtraum erklärt. Die SPD kann ihre Probleme nicht so leicht lösen – auch wenn 25 Jahre nach Willy Brandts Tod noch immer manche Sozialdemokraten zu hoffen scheinen, er käme plötzlich zur Tür herein. Wenn das nicht bald aufhört, wird sich die SPD nach 20,5 Prozent der Wählerstimmen noch sehnen.

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