Kolumne

It’s Jazz, Honey

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Seltsam! Der Berliner Senat will mit der Werkstatt der Kulturen einen Ort schließen, an dem Dekolonisierung gelebt und nicht nur darüber geredet wird. Die Kolumne.

Unter den großen Bäumen im Garten bereiten sich die Musiker auf ihre nächste Session vor. Im Garten stehen Bänke, das Publikum besorgt sich noch Getränke und etwas von den duftenden Speisen aus Westafrika, die gerade frisch zubereitet werden. Das Wetter ist gut, die Leute sind entspannt und neugierig.

Dann geht es los mit einem Tribut an Miles Davis. Großartige Musiker erfüllen den Raum unter den Bäumen mit dem zentralen Gedanken des Jazz. Es ist dieser Musikform inhärent, demokratisch zu sein. Jazz bedeutet Freiheit der Interpretation, Raum für jeden der Künstler und ein gemeinsamer Groove, weil jeder auf den anderen achtet. Jazz ist global. Unter den Bäumen treffen sich Afrikaner, Amerikaner, Araber und Deutsche. It’s Jazz, Honey!

Der Garten gehört zur Werkstatt der Kulturen in Berlin. Hier braucht es keine Worthülsen wie Dekolonisierung oder Postmigration. Hier werden Kultur und Kunst einfach gemacht. Sie schöpfen aus einer globalen Sicht und geben den Stimmen der Einwanderungsgesellschaft Raum. Und zwar nicht als sozialpädagogisches Projekt, durch das der weißen Mehrheitsbevölkerung klargemacht werden soll, dass schwarze Menschen auch nett sind und sogar trommeln können.

Es ist auch kein Ort, an dem „Gastarbeiter“ und deren Frauen mal ganz ungestört – aber angeleitet – ihre Folklore üben oder töpfern können. Ganz im Gegenteil, hier gilt die Kunst für sich. Sie präsentiert den Reichtum der globalen, der europäischen und der deutschen Gesellschaft.

Das Haus ist rappelvoll, die Menschen wollen die Programme sehen. Arab Song Jam, Romnja Jazz, Creole – global Music, Shtettl Neukölln, Gnaoua Festival, Black Music Renaissance – um nur einige zu nennen. Eine klaffende Lücke im Kulturbetrieb wird hier gefüllt.

Freilich schlecht ausgestattet, also ohne besondere Mittel für Programme. Dennoch – das Haus ist einmalig in Deutschland, wird international hoch gelobt und vom Goethe-Institut als bestes Beispiel für Transkulturalität gepriesen. Die Intendantin des Hauses, Philippa Ebènè, eine schwarze deutsche Intellektuelle, achtet darauf, dass keine Klischees wiederholt, keine Grobheit gegenüber außer-europäischen Künstlern geduldet wird.

Obwohl sie ungern im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit steht, ist sie doch die Wegbereiterin eines neuen Ansatzes künstlerischer Dekolonisierung. Und sie ist die einzige Schwarze in Deutschland in einer solchen Funktion. Mit der Werkstatt, geleitet von Frau Ebènè hat Berlin hier eine Perle von unschätzbarem Wert hervorgebracht.

Umso irritierender ist, dass der Berliner Senat diesen Ort schließen will. Der Grund? Unverständlich. Das Verfahren? Intransparent. Der Plan? Es gibt keinen. Vielleicht will Kultursenator Klaus Lederer der öffentlich so sehr von Dekolonisierung schwärmt, endlich mal – ja was? Will er ein weiteres gentrifiziertes Kunsthaus, in dem auch mal schwarze Künstler berücksichtigt werden?

Oder wieder dieses Modell Sozio-Kultur, wo auf „Migranten“ am Ende herabgeschaut wird, weil sie Beschäftigung brauchen und eben doch nicht so ganz Teil der Gesellschaft sind. Oder ist es am Ende ein Ressentiment, verbunden mit der Hoffnung, dass es keiner merkt?

In der Werkstatt der Kulturen spielt die Musik der Zukunft. Der Senat sollte hinhören. It’s Jazz, Honey!

Die Autorin

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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