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Der Terror am Flughafen in Istanbul ist kein innertürkisches Problem.
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Der Terror am Flughafen in Istanbul ist kein innertürkisches Problem.

Terrorismus

Istanbul ist überall

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Es wäre falsch, den Anschlag auf den Atatürk-Airport als primär türkisches Problem zu betrachten. Doch wir wissen nicht, wo uns der Terror das nächste Mal treffen kann. Der Leitartikel.

Wieder Istanbul. Wieder ein Ort, an dem das urbane Leben pulsiert. Wieder zahlreiche Menschen, die durch das mörderische Diktat skrupellos operierender Terroragenten ihr Leben lassen mussten. Die türkischen Metropolen befinden sich nicht erst seit dem Anschlag vom Dienstag, bei dem der westlich von Istanbul gelegene Atatürk-Airport verwüstet wurde und 41 Menschen starben, im Ausnahmezustand.

Das Land, in dem Recep Tayyip Erdogan regiert, kommt nicht zur Ruhe. Im Januar war ein Platz zwischen der Hagia Sophia und der Blauen Moschee, wo sich eine deutsche Reisegruppe versammelt hatte, das Anschlagsziel. Im März sprengte sich ein Selbstmordattentäter in der Istanbuler Einkaufsstraße Istikla Caddesi in die Luft, Anfang Juni starben elf Menschen bei einem Autobombenanschlag, darunter sieben Polizisten.

Die nicht abreißende Serie von Terrorakten mit weit über 100 Opfern binnen eines halben Jahres hat das Land nachhaltig erschüttert, und auch wenn sich die mutmaßlichen Täter in ihren ideologischen Zielen unterscheiden mögen, scheinen sie doch in erschreckender Weise darin geeint, die gesellschaftliche Normalität auf perfide Weise zu zersetzen. Getroffen werden nicht nur die Bürger und Passanten an den belebten Plätzen ihrer Städte, im Fadenkreuz des Terrors befindet sich immer auch die für das ökonomische Gedeihen des Landes extrem wichtige Dienstleistungs- und Tourismusindustrie, die das moderne Gesicht der Türkei in den zurückliegenden Jahrzehnten geprägt hat.

Es ist naheliegend, die Ursachen für die in hoher Frequenz verübten Anschläge in den sich zuspitzenden türkischen Verhältnissen zu suchen. Präsident Erdogan hat den lange für möglich gehaltenen Prozess der Aussöhnung mit der kurdischen Bevölkerung mutwillig und aus egoistischem Machtkalkül heraus aufgekündigt und so den inneren Frieden der Opportunität seiner taktischen Überlegungen geopfert. Das allein hat das Zeug, die innere Stabilität der Türkei auf Jahre zu gefährden.

Freisetzung destruktiver Kräfte

In der Freisetzung destruktiver Kräfte noch verheerender waren aber wohl Erdogans Versuche, die Terrormilizen des Islamischen Staates (IS) für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Mit dem Ziel, in seiner Syrienpolitik alles zu unternehmen, was den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zu schwächen vermag, konnte aufgrund einer türkischen Duldungs- und Unterstützungspolitik des IS erst jene Machtbasis errichten, die ihn in der Region zu einem schwer einzuhegenden Akteur gemacht hat. Erdogans unerbittlicher Kampf gegen den Terror, den er in keiner seiner propagandistischen Auftritte zu beschwören unterlässt, ist einer, dessen tödlichen Wucherungen er selbst hat wachsen lassen. Es ist zu befürchten, dass die Türkei erst am Anfang der Auseinandersetzung mit dem IS-Terror steht.

Und doch wäre es falsch, den Anschlag auf den Atatürk-Airport als primär türkisches Problem zu betrachten. Wie alle urbanen Zentren sind auch die türkischen Angriffspunkte eines internationalen Terrorismus, dessen Quelle immer häufiger die eines politisierten Islams ist, der mal minuziös geplant in Brüssel, Paris und Istanbul zuschlägt oder sich über fanatisierte oder auch nur verstörte Einzeltäter in Orlando entlädt. Das nach Anschlägen sich stereotyp wiederholende Versprechen, den Attacken auf die zivile Ordnung mit aller zur Verfügung stehenden Härte und Entschlossenheit zu begegnen, erweist sich angesichts der schnell aufeinanderfolgenden Anlässe als Ratlosigkeit.

Natürlich könnte auch Erdogan wissen, dass man den multiplen Formen des Terrors nicht allein mit der Konzentration auf die innere Sicherheit beikommt, erst recht nicht in einer aufgeheizten politischen Atmosphäre, in der die Produktion von Feindbildern zuletzt auf Hochtouren lief. Die nach solchen Anschlägen immer wieder bange ins Feld geführten internationalen Sicherheitsstrukturen erweisen sich als Farce in einer Zeit, in der politische und militärische Bündnisse der Form nach wie eh und je bestehen, die Innenausstattung dieser Gemeinschaften aber immer stärker in Auflösung begriffen scheint.

Und so ist der Anschlag auf den Istanbuler Flughafen auch einer, der sich in dem Moment ereignete, in dem man bereits die Hoffnung haben konnte, dass das allseits befürchtete Anschlagsziel, die Fußball-EM in Frankreich, verschont bleiben könnte. Neben der immer wieder verstörenden Bereitschaft zur Gewalt sind Plötzlichkeit und Ungewissheit die hervorstechenden Merkmale des Terrors. Wir wissen nicht, wo er uns das nächste Mal treffen kann. Daraus erwachsen die eigene Ohnmacht und das Phantasma der Stärke, die man den todbringenden Propagandisten der Tat zuschreibt. Einigkeit, Wehrhaftigkeit, Kooperation und der Austausch von Informationen sollten in so einer Situation das Gebot der Stunde sein. Europa aber ist gerade mit anderen Dingen beschäftigt. Die Stärke des Terrors ist auch das Ergebnis einer ausgeprägten Bereitschaft zur Selbstschwächung.

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