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Der Großteil der Muslime in Deutschland fängt nicht an, im Keller Bomben zu basteln, selbst wenn ein Imam das in der Moschee fordern sollte.

Islamkonferenz in Berlin

Den Islam in Deutschland verwurzeln

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Muslime hierzulande haben mehr Achtung und Vertrauen verdient. Zu lange hat Deutschland ihnen ihre Gleichstellung vorenthalten. Der Leitartikel.

Vorab mal eins, das in der überhitzten Diskussion hierzulande um Kopftücher als angeblich politische Statements, islamistische Moscheen und Burkaverbote sowie angesichts der wachsenden rechtspopulistischen Hetze zu oft unter den Tisch fällt: Die ganz überwiegende Mehrheit der gut vier Millionen Muslime hierzulande macht kein großes Aufheben um ihre Religion, sie praktiziert einen gemäßigten Glauben oder lebt ganz säkular, auch die Mehrzahl der jüngeren.

Familien mit muslimischen Wurzeln verfolgen die gleichen Lebensziele wie andere – freundliche Nachbarschaft, gute Bildung für ihre Kinder, materielles Auskommen und soziale Anerkennung. Für die meisten von ihnen dürfte Religion im Alltag kein großes Thema sein, wie für den Rest der Gesellschaft auch. Und falls der Imam ihrer Moschee beim Freitagsgebet radikale Thesen vertritt, werden sie eher die Moschee wechseln als anfangen, im Keller Bomben zu bauen

Was im positiven Sinn so normal läuft, fällt nicht weiter auf. Es ist weder Gegenstand permanenter medialer Berichte noch Thema politischer Problemlösungsversuche. Umso wichtiger, dass es immer wieder ins Bewusstsein gebracht wird, damit man die bestehenden Probleme nicht verallgemeinert und mit der nötigen Gelassenheit angehen kann.

Islamkonferenz: wohltuende Worte von Seehofer

In diesem Sinn war es fast wohltuend, von Innenminister Horst Seehofer zum Start der 4. Deutschen Islamkonferenz ein Bekenntnis zu hören: „Muslime haben selbstverständlich die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten wie jeder hier in Deutschland.“ Aus dem Mund eines Politikers, der sich bisher eher als oberster Islamskeptiker hervorgetan hat, wirkt ein so unaufgeregtes Statement überraschend offen und zugewandt.

Wenn Seehofer daneben die Abhängigkeit vieler Moscheen von ausländischen Geldgebern problematisiert, hat er natürlich recht. Überdeutlich ist das ja gerade erst geworden: Der Vorsitzende des niedersächsischen Ditib-Landesverbandes hat frustriert aufgegeben, weil er die Einmischung der türkischen Religionsbehörde in Ankara in seinen Landesverband nicht mehr ertrug.

Das Geld von Ditib würde den Moscheen fehlen

Andere Landesverbände hatte Ankara vorher schon gleichgeschaltet. Die Türkei finanziert auch die Imame der Ditib-Moscheen. Moscheegemeinden anderer Islamverbände bekommen finanzielle Unterstützung aus reichen arabischen Ländern – das alles ist keineswegs wünschenswert, wenn man, wie Seehofer richtig sagt, einen Islam fördern will, „der in Deutschland verwurzelt ist“.

Doch das Problem zu benennen, bringt einen noch nicht weiter. Muslimische Vereinigungen haben einfach wenig Geld. Anders als die christlichen Kirchen können sie keine Steuern einziehen, weil die allermeisten nicht als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt sind. Die von Seehofer angekündigte Ausweitung von Förderprogrammen hilft da nicht, denn von befristeten Zuschüssen kann nicht dauerhaft ein Imam bezahlt werden.

Für die Körperschaftsanerkennung sind die Länder zuständig; da wird es deutlich mehr Fantasie und Anstrengungen als bisher geben müssen, aufgeschlossene muslimische Gruppierungen auf dem Weg dahin entschlossen zu fördern. Schließlich hat die über Jahrzehnte nicht vorangekommene Gleichstellung der muslimischen mit anderen Religionsgemeinschaften einiges dazu beigetragen, dass sich hier und da eine Distanz zur deutschen Gesellschaft aufgebaut hat.

Ähnliche Versäumnisse gibt es bei der Imam-Ausbildung. Die Einführung von Lehrstühlen für islamische Theologie an einigen Hochschulen ist ein Fortschritt gewesen, aber hier ebenso wie bei der praktischen Qualifizierung von Imamen hat die Politik den orthodoxen Islamverbänden zu lange zu viel Einfluss und moderate Kräfte allein gelassen. Und es gibt weitere Baustellen, bei denen es viel zu langsam vorangeht – das Ziel des flächendeckenden islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen etwa wurde schon vor zehn Jahren formuliert und ist nicht annähernd erreicht.

Beschämende Bilanz für den Staat

Alles in allem ist es eine beschämende Bilanz, die in dem von Seehofer versprochenen „ehrlichen und offenen Dialog“ gezogen werden müsste – und zwar beschämend für den Staat. Hinter der bis heute völlig unzureichenden strukturellen Förderung und Anerkennung des Islam steckt eine lange kultivierte Haltung subtilen Misstrauens. Muslime sind viel mehr der Forderung ausgesetzt, Demokratie- und Rechtsstaatstreue zu beweisen als andere Religionsgemeinschaften.

Driften dann junge Muslime ab in eine radikale Subkultur, wird die Religion verantwortlich gemacht, statt nach sozialen Gründen zu suchen – schließen sich junge Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft rechten Banden an, sieht das schon ganz anders aus.

Es wäre geradezu ein Quantensprung, gelänge im Laufe der Islamkonferenz hier staatlicherseits ein Perspektivwechsel oder würde zumindest der Anfang dazu gemacht – hin zu mehr praktizierter Achtung, Hilfe und Vertrauen gegenüber den Muslimen. Für die innere Entwicklung des inzwischen sehr vielstimmigen Islam und für seine Verwurzelung hier, im pluralen deutschen Gemeinwesen, wäre das ein Segen.

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